Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1840)
- Article
- Algier: Lage der Juden im Gebiete Algier unter den Franzosen
- Date
- 1840-04-18
- Page
- 118 (sequence 2)
- Language
- German
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118 den, vielleicht beweist ihr Benehmen nur die Tyrannei ihrer muselmännischen Unterdrücker. Der Unglückliche klammert sich an Alles - /was. ahn Veränderung seiner., Lage hoffen laßt, und nur dieser einen Bemerkung bedarf es, um uns zu erklären, daß die algierischen Juden den Franzosen mit offnen Armen entgegen kamen; denn diese sprengten die Thüren der Tyrannei und das augenblickliche freie Ausathmen that den Einwohnern Algiers, die nicht Muselmänner waren, wohl. Rechnet man dazu noch den stets offnen Sinn der Juden, der sich durch ihre tausendjährige Stellung herausgebildet hat, aus jeder Lage den größtmöglichsten Vortheil zu ziehen, sie wenigstens so unschädlich als möglich zu machen, erinnern wir uns, das die jüdischen Einwohner Algiers Handelsleute waren, so darf man wohl nicht an eine' weitere, tiefer liegendere Berechnung denken, wenn man das den Franzosen geschenkte Entgegenkommen sich erklären will. Von der materiellen Seite aus betrachtet, hat sich dieses vertrauensvolle Entgegenkommen allerdings für die Gegenwart und die nächste Inkunst nicht gerechtfertigt. Der Handel, der sonst ausschließlich in.den Händen der Juden lag, erscheint diesen Händen entwunden. Die natürliche Veränderung des ganzen Zustandes hat hierzu mehr beigetragen, als eine Gewaltchat der Regierung. Es sind mit der französischen Invasion zugleich eine Menge thätiger Menschen, eine Masse speculativer Köpfe auf dem Gebiete aufgetreten, die durch ihre Theilnahme an dem Handel, durch ihr Streben, sich desselben zu bemächtigen, den Juden einen großen Theil entwunden haben; der Handel trat durch die Revolution des Krieges aus seinem ruhigen Gleise und viele Zweige desselben wurden wenigstens für die Gegenwart niedergedrückt oder gänzlich vernichtet. Daneben erscheint die französische Herrschaft allerdings nicht frei von Eingriffen und Maßregeln, die namentlich in den ersten Zeiten nicht immer die geschicktesten waren. General Bourmont erfüllte zwar die ersten Pflichten eines Gouverneurs, indem ec eine Regierungs- und Finanzcommission ernannte, die sich von dem Zustande und der Lage der eroberten Provinz unterrichten sollte. Allein es ist nie Sache der Franzosen gewesen, auf die gründliche Erörterung einer Sache einzugehen; die Commission vergriff sich in den nöthigen Mitteln, weil ihr Kenntniß der Verhältnisse und guter Wille fehlte, und indem sie den schlauen Jntriguant Achmed-Buderbah an die Spitze ihrer Geschäststhatigkeit stellte, verlor sie nicht allein das öffentliche Vertrauen, sondern ließ sich auch Irre leiten. Ueberhaupt erschienen die Franzosen in Bezug auf die materiellen Interessen in der ersten Zeit ihres Auftretens mehr oder minder als Freibeuter, die sich alles aneigneten, was ihnen Vortheil bringen und ihre Expedition erhalten und sicher stellen konnte? und so rissen sie denn auch mit Recht oder Unrecht den gefammten Handel an sich. Nur erst Marschall C laufet brachte einige Ordnung in dieses Chaos und stellte wenigstens in soweit die Gerechtigkeit wieder her, daß er alle Monopole bis auf das Salzregal der Regierung abschaffte,, und den innern Verkehr insofern erleichterte, daß er die Zufuhr aus dem Innern des Landes nach Algier von allen Taxen befreite, so daß blos von Getreide fernerhin eine kleine Abgabe entrichtet wurde. In Praxi jedoch blieb die Sache beim Alten, bis das Jahr 1835 sich dieses Zweiges der Industrie angelegentlicher annahm. Auf Ausschließlichkeit und alleinige Betreibung des Handels dürfen nun freilich die Juden sich für die Zukunft keine Hoffnung wieder machen, allein dieser Verlust ist kaum zu berechnen gegen die anderweiten Vortheile, die ihnen andrerseits geworden sind, und in Perioden des Ueberganges gsebt es jederzeit Verluste und Klagen. Mögen sie ihre Speculation, womit sie so reich begabt sind, auf andere Zweige der Industrie und namentlich auf den Landbau wenden, der, wenn er auch einige Zeit trotz der freilich nicht immer zureichenden Eolonisationsgesetze Clausel's kümmerte, doch in neuester Zeit wieder alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, und Produkte zu liefern verspricht, welche zugleich einen Handel etabliren müßten, der für das Verlorene reichlichen Ersatz bieten könnte. War es aber in der Stadt Algier, wo die Invasion zuerst fußte, die Hoffnung auf Veränderung der drückenden Lage, welche die Juden bestimmte, den Franzosen entgegen zu kommen, so bestimmte die durch dieses Benehmen hervorgecufene größere Härte der Moslemen gegen die Juden anderer, noch uneroberter Städte die Letzten zur Hinneigung gegen die Franzosen. Wir wollen hier nur das Beispiel Constantine's anziehen. Vorzüglich zur Zeit, als die Franzosen Miene gegen diese Festung zu machen begannen, stieg der Argwohn des Bm- Aissa gegen die Juden aus das höchste, und sowie die Rache gegen alle Juden, die sich den Franzosen in die Arme geworfen, hatten, in der Brust jedes Moslemen kochte, wurden die noch unterworfenen, so gehorsam und ergeben sie sich auch zeigten, arg gemißhandelt. Namentlich während der Belagerung wurden sie nicht blos zu den gefährlichsten Arbeiten verwendet und auf die verlorensten Posten gestellt, sie mußten die Batterien bedienen, bei der Bresche arbeiten u. s. w. Damit wir aber nichts verschweigen, so wollen wir auch ansuhren, daß sie sich für diese erlittene Unbill zu entschädigen wußten, und nach Einnahme der Stadt mit den französischen Soldaten in die Wette die maurischen Kaufladen plünderten. So etwas laßt sich freilich nur höchstens dadurch entschuldigen, daß ein Volk unter einem solchen Regimente, wie das moslimische, nur zu leicht Treu und Glauben verlernt, auch wenn man bedenkt, daß -das, was die Juden nicht nahmen, doch bestimmt in die Hände der französischen Soldaten siel; rechtfertigen läßt es sich vor dem Richterstuhle einer strengen Moral nie, wie oft es auch im Kriege von allen Nationen ge-