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Der Orient · 1840-03-21 · Heft 12 (21.3.1840) · p. 90

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 12 (21.3.1840)
Article
Algier: Lage der Juden im Gebiete Algier ...
Date
1840-03-21
Page
90 (sequence 2)
Language
German
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90 dankenlosen Unempfindlichkeit der moslemitischen Herrschaft an kein Recht und keine Gerechtigkeit, an keine Fortbildung, keine Beachtung und Humanität zu denken war. So machte sich denn bald neben äußerer Erniedrigung, in welcher der Jude, — wenn der Vergleich erlaubt ist — als ein nützliches Hausthier betrachtet wurde/den man nicht'vernichtete, aber auch nicht würdigte, ein Stillstand alles geistigen Lebens bemerkbar, durch den die Masse mehr und mehr zu einem Gewohnheitsthiere herabsinkt, wo der Mensch endlich in gedankenloser Gewöhnung auch den erniedrigendsten Zustand liebgewinnt, wenigstens nie mit einem ungewissen, ihm ungewöhnlichen Loose zu vertauschen Miene macht, vorzüglich wenn dasselbe ihn aus seiner trägen Ruhe äufzurütteln gedächte. Wir hören darum auch kaum von einer hervorragenden Persönlichkeit, geschweige denn von einer Erhebung und Entwickelung der Masse. — Ist dieser hier mit wenigen Federstrichen gezeichnete Grundcharakter im Allgemeinen der Ausdruck des ganzen von dem Islam verschlungenen Morgenlandes, so (rat zur Charakteristik unsers Gebiets endlich noch der Umstand des Seerauberlebens. Dieses schimpfliche Handwerk, das Hauptelement der Regierung selbst, mußte die Bevölkerung tief herabsetzen und führte direkt dahin, den Menschen als Sache, als Waare zu behandeln, darum auch jede sittliche Achtung aus seiner Brust zu reißen. So erfuhren die Juden neben Bedrückung noch Beschimpfung. Sie mußten sich durch ihre Kleidung als Juden kenntlich machen und der Dey von Algier konnte in brutalem Uebermuthe in der Verordnung, daß weder Moslem noch Christ sich ohne Laterne bei Nacht sehen lassen durfte, die launenhafte Clauset einfließen lassen, daß die Juden, das Licht ohne Laterne tragen sollten, selbst auf die Gefahr hin, sich die Finger zu verbrennen, wenn sie es gegen das Verlöschen schützen wollten; denn — setzt Thomas Campbell in seinen Briefen aus Algier (vergl. Ausland, Jahrg. 1836) hinzu — „Die Polizei wachte sich ein eignes Vergnügen daraus, jedem Juden die Bastonade zu geben, oder Strafe zahlen zu lassen, dem sein Licht ausging." Unter solchen elenden Verhältnissen war es natürlich, daß die Juden dahin strebten, sich unentbehrlich zu machen, um darin. Erleichterung ihres Looses zu finden. Wir finden darum auch diesen ewig thätigen, geistig und körperlich nie rastenden Stamm unter der steten Sorge sich abmühew, durch Thätigkeit, Gewandheit, Handel und Industrie die praktische Herrschaft über ihre gedankenlosen, unthätlgen Sieger sich zu verschaffen, um sie wenigstens zu ihrer faktischen Anerkennung, zu menschlicherer Behandlung, wenn auch, nicht aus Ueberzeugung so doch aus Eigennutz und Politik, zu zwingen. So ward einerseits die Milderung ihres harten Looses wieder ihr eignes Verdienst, während ihre Thätigkeit gegenüber der trägen moslemitischen Bevölkerung ihnen Wohlhabenheit und Reichthümer sogar zuführte, so daß wir die algier'schen Juden in bequemen äußern Verhältnissen wiederfinden; anderntheils ward ihnen das Gefühl ihres drückenden Looses dadurch nicht wenig erleichtert. Denn zwar ward deswillen die Verachtung, mit welcher man sie behandelte, nicht ganz aufgehoben, vielmehr finden wir selbst ehrwürdige Alte von maurischen Jungen mit Steinwürfen verfolgt und mit unzüchtigen Reden verspottet, wahrend sie selbst schon mit dem Tode bestraft wurden, wenn sie die Hand gegen einen sie anfallenden Türken oder Mauern aushoben: allein ihre Thätigkeit, die sich jedem unentbehrlich zu machen wußte, verminderte die Angriffe auf sie und das Bewußtsein ihrer Unentbehrlichkeit und des daraus gezogenen Vortheils erhob. sie nicht selten über erduldete Schmach. Das letztere wäre nun freilich geeignet, die Gediegenheit des Charakters.und die moralische Seite desselben ganz zu untergraben, und es wäre dies ohnstreitig auch erfolgt, wenn nicht andere Umstände geeignet gewesen wären, die Moralität im Allgemeinen aufrecht zu erhalten. Das Geld und die Reichthümer, die in andern Verhältnissen so oft den Grund zur Verschlechterung bilden, müßten unter diesen Umständen die Moralität unterstützen. Ist es zuförderst ganz im Allgemeinen wahr, daß das Elend, die Noch und Entbehrung democalisiren können und dem menschlichen Geiste sogar oft den letzten Schmuck der Seele, das äußere Decorum, den Schönheitsinn rauben, auf den sich mehr oder minder alle Sittlichkeit stützt; so bemerken wir daneben in tyrannischen Staaten ganz im Allgemeinen unter der Bevölkerung einen nie zu verwischenden Anflug von Humanität, Mitgefühl, Theilnahme, Brüderlichkeit und Aufopferung, Tugenden, deren eine freiere Bevölkerung in dem Maaße nicht fähig ist. Denn weil bei einem völlig oder zum Theil untergrabenen Rechtszustande das Vermögen des Individuum auf keine Weise sicher gestellt erscheint, so bildet sich eine gegenseitige Unterstützung und Hinneigung heraus, die als der kräftigste Träger der Moralität anzuerkennen ist. Dazu trat noch ein anderes höchst wichtiges Moment, die Sittlichkeit der jüdischen Bevölkerung aufrecht zu erhalten; es war das, durch die schimpfliche Behandlung von außen entfaltete Bestreben der Juden, Ersatz dafür in sich selbst, im innern Zusammenhalten und in dem Familienleben zu suchen. Schon der elegische Grundcharakter der Gemeinde, die sich zum größten Theile einst aus der spanischen Verfolgung hinüber nach Afrika gerettet hatte, mußte eine Art religiöses Familienleben bedingen, daß namentlich in einzelnen Momenten sich bis zu einer großartigen Herzlichkeit entfaltete und vornehmlich in der bewußten oder bewußtlosen Sehnsucht nach Freiheit sich äußert; darum sehen wir z. B. das Laubhüttenfest, jene Gedächtnißftier an das freie Aufathmen der Väter nach abgeschüttetter egyptischer Beknechtung auf das Herrlichste und mit einem gewissen Enthusiasmus begehen, und aller

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