Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1840)
- Article
- Algier: Lage der Juden im Gebiete Algier ...
- Date
- 1840-03-21
- Page
- 91 (sequence 3)
- Language
- German
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91 nur besinnlicher Prunk aufgewandt ward, gleichsam um zu zeigen, daß Man denselben einer ähnlichen Erlösung freudig zum Opfer bringen könnte. Hohe kindliche, wenn auch beschrankte Einfalt erscheint als der Grundzug der Gemeinde und das religiöse Band umzieht alle wie eine Familie. Diese innige, unverbrüchliche Einheit des Glaubens, verbunden mit dem Bewußtsein des gemeinsamen Elends, der allgemeinen, oben angedeuteten Unbeständigkeit des Glücks hält das sittliche Clement empor, und wir finden neben dem Vertrauen auf den waltenden Gott eine erstaunenswerthe Wohlthatigkeit, eine zärtliche Sorgfalt für die Armen und Bedrückten, ein gemeinschaftliches sich freuen und leiden, feiern und fasten. Noch ein dritter, wenn auch negativer, so doch nicht unwesentlicher Grund bewahrte die jüdische Bevölkerung vor dem Versinken in Unmoralität. Es war der Argwohn der Bedrücker, der Neid gegen die Juden, die oft vorkommende Freude ihnen zu schaden. Mit Argusaugen lauerten die Moslems auf jede,^ auch die leiseste Aeußerung eines Vergehens, um sich an denen zu rachen, die ihnen zwar unentbehrlich geworden waren, deren Uebergewicht sie aber niemals ertragen mochten. Das leiseste Vergehen ward nach Tyrannenart auf das Härteste bestraft und eine ganz gewöhnliche Strafe selbst für Unschuldige, war der Flammentod. Ein Bankerott, ob muthwillig oder nicht, ward mit Verbrennung bestraft, und Campbell giebt uns ein Beispiel, wo den unschuldigen Handlungsdiener gleich dem Herrn des Geschäfts dies grausame Schicksal widerfuhr, dies hat die Juden ungemein behutsam gemacht und sie gewöhnt, ihre Leidenschaften auf das strengste zu überwachen, und so ist es denn gekommen, daß sie in Mitten der Verderbniß sich auf einer Höhe der Sittlichkeit erhalten konnten, die uns bewunderungswürdig oder fabelhaft ■ erscheinen muß, sobald wir nicht tiefer auf die Gestaltungen des dortigen Lebens eingcdrungen sind. Auf diese Weise erklärt sich denn-auch, daß Reisende ihnen stets, wie noch neuerlich der Fürst Pückler-Muskau (Semilasso in Afrika, 2. Thl.) die höchste Ehrlichkeit nachrühmen mußten, wahrend sie vor der Betrüglichkeit anderer dortigen Stamme warnen. Sie selbst, wie Thomas Campbell aus dem Munde eines ehrwürdigen Nabbinen erfuhr, führen noch ein anderes Moment für die Auftechthaltung der Sittlichkeit an, nämlich die Schlichtung der unter einander ausgebwchenen Streitigkeiten durch einen jüdischen Vorstand, der aus Rabbinen und einen jüdischen Beamten bestand,' den man den Scheich nannte und der diese Berechtigung von denpDey durch große Geschenke erkaufte. Allerdings ein wesentlicher Vortheil, nicht blos die Einheit, sondern auch die Sitte der.Väter, das Nationalgefühl und den volksthümlichen Werth auf eine patriarchalische Weift treu zu bewahren. So erscheinen uns denn die algiersthen Juden unter der Herrschaft der Mosl.emen zwar eingeengt ans einen beschränkten Lebenskreis, zu Boden gehalten durch tyrannischen Druck, zum Schweigen gebracht durch den launischen Argwohn, aber höchst bedauernswerth nur dann, wenn--wir den Maßstab europäischer Bewegung und Beweglichkeit an sie legen, wenn wir sie an dem Ideale des Volksthums messen, wenn wir Erscheinungen beklagen, deren Unglück, deren Misere sie gar nicht gefühlt haben und zum Theil jetzt noch nicht fühlen. Sie selbst in ihrem ewigen Einerlei fühlten das Unglück kaum, in welchem sie schmachteten, das lange Elend hat das Gefühl für Wahrnehmungen eines hohem Gedankens abgestumpft und daher kam es, daß, wie uns die Folge lehren wird, sie sich nicht einmal unglücklich fühlten, wenn nur der Druck, nicht in Grausamkeiten ausartete. Der erste Anstoß zu ihrer Erlösung und Befreiung erfolgte darum auch ohne ihr Zuthun durch die französische Expedition nach Algier. Ja selbst in diesem Augenblicke erkennen wohl die wenigsten noch, welches Heil ihnen daraus erwachsen muß, wie wir weiter unten zeigen werden. Die Gewohnheit, die dem Menschen alles erträglich macht, die Nothwendigkeit der Natur sowohl, wie die Willkür ihrer Seits hat sie erstarrt, und erst das künftige Geschlecht wird unter der Sonne der Freiheit an der großen Kraft der väterlichen Institutionen sich wieder ausrichten. Chtwtt. In den Beiträgen zur Kenntniß Rußlands und der angrenzenden Länder Asiens von Bär und Helmerftn wird ausführlich über diesen asiatischen Staat berichtet, namentlich über die Bewohner desselben. Unter den Stammen der Usbeken, Uiguren, Turkmenen, Karakalpaken, Sarten, Tatschiks, Afghanen, Armenier, Perser, Aimaken, Kurden, Kedschacen, Kirgisen wird auch der Juden gedacht, und das über sie gesagte möge hier, um einer noch zuwünschenden Statistik vorzuarbeiten, seinen Platz finden. -„Juden giebt es in Chiwa etwa 200, die keine eigene Hauser haben, sondern zur Miethe wohnen. Sie beschäftigen sich mit Seidenbau und mit dem Weben und Farben seidener und halbseidener Zeuge; man zwingt sie hier, wie in Buchara lwo sie unter einer Bevölkerung von 70,000 leben), sich so zu kleiden, daß man sie sogleich von andern Nationen unterscheiden könne. Niemand grüßt sie, und der Chan wendet sich von ihnen ab, wenn sie ihn begegnen. Sie leben ruhig, lieben aber Karren- und Würfelspiel um Geld." Es wäre zu ' wünschen, daß noch von einer andern Seite her eine Kunde über die dortigen Juden zu uns käme. Frankreich. Paris, im Febr. (Schluß.) 59) Am Sitz jedes Cons. ist ein Co ns.-Tempel; in Paris und -Bordeaux deren zwei, nämlich für deutschen und portugiesischen Ritus; an andern Orten kann ein zweiter nur, 4.2*