Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1840)
- Article
- Wien: die hebräische Literatur in Österreich
- Date
- 1840-03-14
- Page
- 85 (sequence 3)
- Language
- German
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85 Anbetern täglich ärmer werdende Hebräische. Wie es mit ihren Zeitschriften gegangen und geht, ist bekannt. Die Meassim sind längst zu Grabe gegangen, und deren Blatter, vom Staub des Vergessens verweht, sind kaum einzeln noch auszufinden. Auch die Bikure ha-Jtim sind, kaum das Eonsirmationsaltec erreichend, den Weg alles Fleisches gegangen und in Ruhe und Frieden von Käufern entschlafen. Der Kerem Chemed Goldenbergs, setzte, kaum zwei Jahre alt, seinen Herausgeber in solche Verlegenheit, daß er sich im dritten einen neuen Verleger suchen mußte. Die hebräischen Studien werden nicht blos kaltblütig ignorirt, viel weiter ist die Aufklärung unsres Jahrhunderts geschritten. Man meidet, flieht und haßt sie, insbesondere bei den gottgesegnetern Reichen und Vornehmen! Man befürchtet in zärtlicher Sorgfalt, das Wissen des Hebräischen beuge den Nacken, hindre das Wissen, drücke den Stempel und das Gepräge des Judenthums auf die Stirn. Die Anerkennung, Hoch sch atzung und Unterstützung, deren sich hebräische Literatoren bei ihren Zeit- und Glaubensgenossen erfreuen, wie sie oft mit ihren mühsam geschaffenen Geistesprodukten von Haus zu Haus sammeln müssen, um die Druckkosten herauszubringen; wie sie darbend verkümmern, ohne das oft ein Grabstein ihre Ruhestätte bezeichnet, ist zu bekannt, als das es erst erzählt werden müßte. Und diese Zustände werden die Herren Seher kennen, wenn sie anders, wiesle sich zu nennen belieben, Seher sind. Und wie viele, oder besser, wie wenig Arbeiter, bei so bewandten Umständen und traurigen Verhältnissen der Weinberg des Herrn zählt und zahlen kann, muffen sie begreifen. Und wenn nun diese schwachen Reste, diese einzelnen Stammhalter unsrer verlassenen Literatur, wie Rabbulisten sich einander anfeinden, in mikcologischer Scheelsucht mit Pamphleten um sich werfen und Einer des Andern Namensklang als Falschmünze verdächtig machen, welches Prognostikon können die Seher zu ihrer segenreichen Wirksamkeit, zu so schönen Erwartungen berechtigende Unternehmer, den Literatoren und der Literatur überhaupt stellen? — Oie hebräischen literarischen Fahnenträger stehen, schon ohnedies in Hinsicht der Anerkennung tief genug in der Ansicht des Volkes. In diesem Tone reüssirte noch keine Kritik, so kann nie die Regeneration einer Wissenschaft, der Keim, die Reife und das Gedeihen einer Literatur gefördert werden, und insonders da, wo, wie bei uns die Außenwelt in kaltem Jndifferentismus theilnahmtos und unempfindlich sich zurückzieht; da muß die innere, warme, herzliche und innige Verbrüderung um desto fester sich an einander anschließen, durch die Fülle eigener Strebekraft, innerer Theilnahme, Aufmunterung und Aneiferung sich erkrastigen, erstarken, um dem feindlichen Anstürmen der Zeit und der Verachtung trotz zu bieten! Dieses sagte man schon dem ersten Hefte des Roeh. In einem etwas gemäßigtern, wissenschaftlichern und würdigen Tone, insonders gegen Rapaport, sind die Briefe des zweiten Heftes, das uns nun vorliegt. Weit weniger ist dies der Fall mit Luzzatto, wo sich der Ton ganz jenem des ersten Heftes nähert. Die Herren Seher scheinen eine besondere Antipathie gegen Italiener zu haben, möchte man behaupten. Uns aber, denen alles und jedes wissenschaftliche Streben, komme es aus welcher Quelle und welchem Lande es immer wolle, willkommen und anerkennungswürdig ist, will und kann einmal dieser Ton in der Kritik nicht ansprechen. Emek Schoschannim. Das Merkchen führt auch den korrekt deutschen Titel: Rosenthal, in welchem auch andere(?) Blumen ausgesäet sind, und welche den Abstand zeigen, gegen jene Dornen und Disteln auf unfruchtbarer Haide von Neuerungssüchtlersn?) gepflegt, um unsre heilige Tradition und ihre große (n?) Lehrer zu'verwunden," von Emanuel Rosenthal aus Sborob in Ungarn. Ofen 1839. Im Beginn der Broschüre erzählt der Verfasser nochmals, daß er aus Sborob in Ungarn sei, nachdem er es schon auf dem Titel wiederholt lvermuthlich um den einstigen homerischen Abkunstskampf der sieben Städte zu verhindern, obwohl er individuel als Zänker auftritt). Das Werkchen ist gegen Rapaport gerichtet, und zeigt, wie sehr ihm das Wohl, und die Eintracht der Gesammtheit am Herzen liege; dies beurkundet schon der Titel. Die Broschüre ist voll, an Leere und leer an Fülle, und man muß gestehen, in diesem Rosenthale giebts blutwenig Dust. Der zweite Titel im Innern der Broschüre, Perach Schoschannim,. wäre zwar nicht so übereinstimmend mit dem Namen des Herrn Verfassers, aber viel bescheidener und passender gewesen. Aber bitterer Ernst ergreift uns, so wir solchen literarischen Auswüchsen begegnen. Der gute Rapaport muß als Satan gelten, weil Rosenthal als Schriftsteller gelten will. Es ist an der Zeit, daß diesen unberufenen Schreiern auf die Finger geklopft werde. Und indiskret und gemein ists und die härteste züchtigende Rüge verdient es, wider Rapaport in einer Zeit aufzutreten, in welcher er seiner Aufnahme in Prag entgegen sieht. Und wie kann man überhaupt einen Schriftsteller über eine Aeußerung zur Rechenschaft ziehen, die er als bloße briefliche Mittheilung ausgab, und die er bescheiden und wahrheitsliebend bereits selbst öffentlich zurückgenommen hat. Hat Hr. Rosenthal schriftstellerisches Talent — welches wir ihm ab^usprechen gar nicht gesonnen — so zeige er uns die Rosen derselben, warum aber die stechenden Dornen der Persönlichkeit? Muß man denn, um sich einen Namen zu machen, den Namen eines Andern herabwürdigen und anschwärzen? — Der Leser wird es sonderbar finden, daß ich in meiner Uebcrschau der hebräischen Literatur in Oesterreich gerade mit den wertlosen und schlechten begonnen; ich gehöre aber zu denen, die, wenn sie sich der Lektüre des Guten hin-