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Der Orient · 1840-03-14 · Heft 11 (14.3.1840) · p. 84

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 11 (14.3.1840)
Article
Wien: die hebräische Literatur in Österreich
Date
1840-03-14
Page
84 (sequence 2)
Language
German
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84 bilde vereint und in dem Goldrahmen eines Epos von zwanzig Gesängen gefaßt. Was bei diesem schönen Wecke, das bereits allenthalben die willkommenste und freundlichste Aufnahme gefunden, ohne noch von der Kritik — ein Omen der Zeit — gehörig gewücdiget und ans Licht gezogen worden zu sein, die epische und charakteristische Auffassung und Ausstattung betrifft, so streicht die Kritik gerne und freudig die Segel. Mehr aber und um desto unerläßlicher wird es ihr zur Pflicht, über Diction und innere poetische Ausstattung um so mehr unparteiisch sich auszusprechen, je hochgestellter, anerkennens- und ehrwürdiger der geschätzte Dichter in unfern Augen dasteht. Durchgängig würde Hr. Kohn den Mund der Kritik verschlossen haben, wenn er die Fülle seiner poetischen Kraft, die er auf die sammtlich gelungenen Eingänge mit Verschwendung verwendet, auch, nur zum Theil, auf den epischen Punkt seines Werkes ausgedehnt hätte. Warum hat Hr. Kohn aber diesen Haupttheil der epischen Schöpfung so karg, so spärlich und so stiefmütterlich bedacht und behandelt? — Hätte Hr. Kohen, Priester und Levite im Gesänge, nur den zehnten feiner füllereichen Gesangesgabe auch darauf gespendet, und sein Werk wäre tadelfrei und makellos gewesen. Zeilenweise blicken uns zuweilen Sterne gewohnten poetischen Glanzes entgegen, aber nur wie einzelne Sterne am Nachthimmel. Ferner hätte es der Dichter, unsrer geringen Ansicht nach, vermeiden dürfen und sollen, ganze Psalmen wörtlich treu einzuflechten und anzuführen, wobei wahrhaft der Käufer angeführt. Hat es diesem so reichen Schatze von Poesie denn an Perlen gefehlt, diese mit dem bunten Schmucke und Kolorit der Paraphrastik auszustatten? — Eine Rüge, die um so strenger zu nehmen, je mehr ihm das Vorbild des Franko-Mendez hätte vorschweben sollen, je höher wir ihn über diesen stellen und je spielender ihm dies zu vollführen gewesen wäre. Doch, bei all diesen, bei einem Andern kaum in Erwägung gezogenen Mängeln, ist und bleibt das Werk eine Schöpfung, die ihren Rang neben der Wesseleyschen Moseide ehrenvoll behauptet, und die dem greisen Dichter, einen bleibenden Ruhm für die Nachwelt begründet. Ha-Roeh 2. Heft. Ueber Rapaport und S. D. Luzzatto, in Briefen von N. I. Fischmann, M. Mohr, I. Bodek, I. Mantsch, herausgegeben von Jos. Berger. Ofen. 8. 167 S. Löblich, edel und dankenswerth ist es, mit Beharrlichkeit, Freimuth im Felde der Literatur aufzutreten, der Schreibewelt herausfordernd den Fehdehandschuh hinzuwerfen, und das doppelschneioige Sezirmesser der Kritik mit nachsichtsloser Strenge an die Produktivität der Neuzeit zu legen. Um so dankenswerther in einer Zeit, wie die unsere, wo man mehr der Schreibals der Glaubensfeligkeit sich hingiebt. Aber Alles hat Norm, Regel und Schranke, Alles Maaß und Ziel, selbst der Nachrichter darf sein dem Tode geweihtes Opfer nicht quälen und martern, und selbst der Bote der Vernichtung eine gewisse traurige Etikette nicht aus den Augen lassen. Die Verfasser des Roeh scheinen es sich zum Ziele gemacht zu haben, den Stachel des Witzes an Reggio, diesen lieblichen Schriftsteller unserer Literatur, zu letzen und seinen verdientermaßen weithin duftenden Ruhm mit dem Giftschlamm der Polemik zu begeifern, und man darf diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne ein Wort zur Ehrenrettung dieses wahrhaft verdienten Literaten, wie auch ein wohlgemeintes, unbefangenes und ungeheucheltes über diese Schrift gesprochen zu haben. Kurz vor ihrem Erscheinen ward dieselbe in der Allg. Z. d. Judenthums angezeigt, und jeder Freund der hebräischen Literatur sah diesem wahrhaft zum Bedürsniß gewordenen und noch immer unbefriedigt gebliebenen kritischen Phänomene mir gespannter sehnsüchtiger Erwartung entgegen. Endlich erschien die erste Lieferung. Mit Neugierde wurden die Blätter entfaltet und statt des süßen reinen Duftes klarer, unbefangener Kritik, qualmte ein zehrender Gluthhauch anseindender Persönlichkeiten und frivoler Stacheleien dem Leser entgegen. Wir erwarteten sanfte, wohlmeinende Fingerzeige, belehrende Zurechtweisungen und freundliche, wohlbegründete Ermahnungen, und fanden nur das Gift der gehässigsten Erbitterung, ungehobelte Kolben» schläge abgedroschener Witzfloskeln und die derben, alles zerstörenden Fausistreiche kritischer Freibeuter. Und nicht nur den gefeierten Namen eines verdienten Mannes fanden wir mit unerklärlicher Arroganz in den Schlamm getreten und zur Schau gestellt, sondern auch, das Gute der Kritik, den segenspendenden Altar der Wahrheit entweiht, und das Heiligthum unserer Sprache profanisirt und entwürdigt. Mit bitterer Wehmuth, regem Widerwillen mußte der Leser von dieser. Erstlmgsfrucht des bei uns noch unbebauten Feldes der zankenden Kritik sich abwenden. Zur Ehrenrettung des angefeindeten Reggio ein Wort zu sagen, finde ich für wahrhaft überflüssig und unnütz; denn jene, die seine Schriften nicht kennen, haben ja auch die Angriffe des Roeh nicht gesehen, und Andere, die mit seinen Produkten und deren Werth und Gehalt vertraut, werden ohnedies erkennen und wissen, was sie von diesem scharfsichtigen Seherauge zu denken haben. Aber für die Kritik muß und soll gesprochen werden ein Wort des Ernstes, und dies will ich, so kurz als möglich mich fassend. Die Kritik, auf ihrem ewigen delsischen Dreifuß: Wahrheit, Unparteilichkeit, Gerechtigkeitsliebe sitzend, ist für Wissenschaft, Kunst und Literatur, was der kalte, schneidende Nordwind für die Atmosphäre; wie dieser läutert sie die Luft von der Verweichlichung und dem Asthma der Zeit und befördert so die ewig fort- und vorschreitends Regeneration, die Vollkommenheit und Politur. Und wenn je eine Literatur dieser vergebens entgegen* schmachtet, so ist es die an Freunden, Verehrern und

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