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Der Orient · 1840-02-22 · 8 (22.2.1840) · p. 115

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Journal
Der Orient
Volume
1840
Issue
8 (22.2.1840)
Article
Leo der Hebräer
Date
1840-02-22
Page
115 (sequence 3)
Language
German
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Leo des Hebräers Dialogen über die Liebe. Tableau ihres Inhalts. 118 117 Gegenliebe nachzuahmen?" So fragt Philo und seine Geliebte antwortet: „Auch'darin glaube ich jener nicht unähnlich zu sein. Die göttliche Gegenliebe besteht darin/ daß sie den menschlichen Geist zu der geistlichen Bereinigung mit sich selber zu bringen strebt, und so liebe auch ich dich innig und suche zwar nicht deinen Sinn mit dem meinen, sondern meinen mit dem deinen als dem vollkommneren zu verknüpfen. Ich bin stets besorgt und bedacht, deine geheimen Vorstellungen zu verstehen, so wie deine Weisheit zu umfahen und zu genießen, und daraus schöpfe ich das angenehmste Vergnügen. Schließe daraus aus die Größe meiner nach dir verlangenden Liebe. Was die Vermischung der Körper anlangt, nach der Liebende so heftig zu trachten pflegen, so hat wohl keiner von uns auch nur die Ahnung einer so schmählichen Begier. Wie die geistliche Liebe die beste, die schönste und die an lieblichen und heilsamen Früchten gesegnetste ist, so ist hingegen die körperliche Liebe schlecht und häßlich und hat die traurigsten und lästigsten Wirkungen in ihrem Gefolge." Die Auseinandersetzung der Folgen der menschlichen Liebe wird, da die Nacht schon eingebrochen, auf eine andere Zeit verschoben, und die beiden Liebenden trennen sich auf Wiedersehen. — — Aus dieser Jnhaltsanzeige wird man leicht erkennen, wie reichhaltig und wie tiefgedacht die geschilderten Dialoge sind. Es bekundet sich darin eine umfassende und mehr als oberflächliche Kenntniß der griechischen Literatur (vorzüglich des Plato, Aristoteles, Plotin), eine vertraute Bekanntschaft mit den Schriften des Maimonides und der vornehmsten arabischen Philosophen (Jbn-Roschd, Jbn-Sina, Alfarubi, Alghazü li), eine für die damalige Zeit mehr als gewöhnliche Kenntniß der Physiologie, Astronomie und mathematischen Geographie l), und eine zwar nicht aus Citaten, aber aus dem Habitus des ganzen Werkes ersichtliche Belesenheit in der christlichen mystisch-neuplatonischen Literatur. Von dem höchsten Interesse sind die großen Partien des Werkes, in denen die Mythen der Griechen und Römer gedeutet werden, mit einer sparsamen, aber klugen Benutzung selbst der hebräischen Sprache und der Etyma ihrer Vokabeln. Das System der Kabbala wird popularisirt, das des Aristoteles wird aus dem Bereiche der trockenen Scholastik in den der Poesie erhoben, und Plato und Aristoteles unter einer hohem Einheit vereinbart. Dabei ist aber auch nicht zu verkennen, daß die einfache klare Schriftlehre schmählich 1) Auch die Ergebnisse der neuesten durch die Schiffahrten der Spanier und Portugiesen gemachten Entdeckungen für Stern- und Erdkunde werden erwähnt (©. 356. Lusitanorum ac Hispanorum novis et inusitatis navigationibus, quae litcrarum monumentis conssignatae fuerunt; S. 588, Lusitanorum et Htspaiiorum mirificae navigationes.) corrumpirt und ihr eine falsche flitterhafte Folie untergelegt wird. Die heil. Schrift erscheint nicht als legislativ, sondern sie ist in eine rein passive Stellung zurückgedrängt, und muß sich das Gepräge heidnischer Philosophie aufdrücken lasten. Die gemeine Liebe wird platonisirt, und die göttliche in den Bereich des Irdischen herabgezogen. Der Charakter des Werkes ist entfernt von aller lüsternen Obscönität, aber ein sich heilig dünkendes Schwelgen in den mit kühner Fantasie entworfenen Idealen der Schönheit und Liebe zieht sich durch das Ganze hindurch, jedoch ohne die kindische und narcenhafte Sentimentalität der modernen Erotiker. Alles wird aus dem Gesichtspunkte des Göttlichen angeschaut, es gewinnt dadurch eine in unserer Zeit ungewohnte Tiefe der Auffassung, und namentlich die Naturwissenschaften empfangen eine höhere Weihe. Es ist durch und durch ein anregendes Buch, voll reichen Stoffs zu Gedankenevolutionen, künstlerisch in seiner Construction, und eben dadurch gewann es in einer Zeit, wo die griechische Philosophie noch unmittelbar in die Wissenschaft eingriff, ein so hohes Ansehen und eine so weite Verbreitung. Was die übrigen Schriften und schriftlichen Aufsätze unseres Abarbanel anbelangt, so waltet über manchen der vielleicht ihm angehörigen Produkte ein unlösbarer Zweifel, erzeugt durch die Ambiguität des bei den spanischen Auswanderern nicht seltenen Namens Leone (rnrp). Mit Gewißheit können wir ihm ein Lobgedicht auf seines Vaters Commentar zu Pirke Abot zuschreiben, welches der Venediger Ausgabe von 1567 fol. vorangedruckt ist. Nach De-Rossi's Meinung ist der Verfasser der Dialogen identisch mit dem Leone, der nach Tiraboschi in seiner Literatur-Geschichte (VII. S. 1319) eine Favola tragica paslorale, Namens Drusilla, geschrieben hat2 3); nach Wolf gleichfalls identisch mit dem Leon, unter dessen Namen mehrere wedicmische und philosophische Handschriften in der Mediceischen Bibliothek aufbewahrt werden, und dem Leo dem Juden, dessen Commentar zu Bechinat Olam (von Jedaja Penini) Nessel unter den Handschriften der Wiener Bibliothek aufführt. Es ist besser hier sein Urtheil zurückzuhalten, als aufs geradewohl unnütz zu conjecturiren.^) Znm Schlüsse gebe ich noch eine>Uebersich( über die 2) Diese Art der Dichtung gehörte unter die Parerga der damaligen christlichen und jüdischen Gelehrten. Auch Leo da Modena schrieb ein Pastorale Nahel und Jakob (Reggio, Briefe II. S. 74. Amn.). 3) So läßt sich ohne weitere Prüfung des Buches selber auch nicht bestimmen, ob in der von Dom (Libraria prima S. 64, b. 69, b.) angeführten Disputa di San Salrestro et di Leone Hebreo (wahrscheinlich ein entweder antichristlicher oder antijüdischer Wikkuach) der Sohn des Abarbanel gemeint sei.

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