Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1840)
- Article
- Tiberias: Juden daselbst nach dem Erdbeben
- Date
- 1840-02-22
- Page
- 58 (sequence 2)
- Language
- German
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58 Familie, in die Hütte herein. Der eine von ihnen er: wies sich im Gebiete der talmudischen Gelehrsamkeit wohl erfahren z ''er hatte mehrere' europäische Länder gesehen, schien namentlich in Holland wohl bekannt. Das merkwürdige Volk halt dieses Tabaria oder Tiberias, nebst Jerusalem , 5)ebron und Safed für eine der heiligsten Statten der Erde, an welchen große Verheißungen haften. In Liberias, so erzählte uns der gelehrte Rabbine, .sei schon vor Christi Geburt eine Schule bestanden, an welcher große Meister lehrten; namentlich der altere Hillel habe eine Zeit lang hier gelebt. Wir verlangten aus dem engen Bretterhaus, in welchem es viele, schon von früheren Reisenden in dieser Gegend angetroffene Unbequemlichkeiten gab, hinaus an den schönen See und an seine reinlichen, grünen Ufer. Jenseit des Thores, vor welchem große, dicke Blätterstämme der Opuntienfeigen, bedeckt mit gelben Blüthen standen, wendeten wir uns südwärts am Ufer hinab, nach der Gegend des schönen, neuen, ganz in europäischer Weise eingerichteten Badehauses, das Ibrahim Pascha über den dortigen berühmten heißen Quellen hat erbauen lassen. Es war eigentlich schon in Jerusalem und Nazareth unser Vorsatz und Plan gewesen, in jenem bequemen Gebäude zu übernachten, das für viele Gaste Raum darbietet) 'in Liberias aber erfuhren wir, daß ein türkischer Pascha, der die Badekur gebraucht, für sich und sein zahlreiches Gefolge den größesten Theil der Zimmer eingenommen habe, und beschlossen deshalb, unser Lager zu welchem die beiden Frauen in. Begleitung des Herrn Mühlmhof und der Mucker schon vorauszogen, außen vor der Stadt im Freien aufzuschlagen. Wenn man von der Stadt hinweg, nach jenem Bade hingeht, sieht man an der Seite des Weges viele ansehnliche. Ruinen von Tempeln und Palästen aus der römischen Zeit. Von dem einen dieser Gebäude stehen noch die. Mauern, deren zum Theil aus alteren Trümmern zusammengesetzte Masse freilich eine spätere, neuere Wiedercichtung des Werkes andeutet. Weiterhin zeigen sich noch mehrere aufrecht stehende Saulm von einem vormaligen Portikus. Vielleicht sind dieses noch Reste jener ersten Stadt, welche Herodes Ancipas bei den Wohnungen der Fischer begründet, und die er dem Tiberius zu Ehren mit dem Namen benannte, den sie bis aus unsre Tage behalten hat. Wir naheten uns dem Ufer des See's und einige der jungen Freunde genossen seiner reinigenden Fluth, während wir Andren am Ufer uns beschäftigten. Die Gebirge zu beiden Seiten empfangen durch ihre vielen tiefen Schluchten und durch die jähen Abhänge eine so malerisch schöne Form, wie kaum an einem andern mir beknnntemSee. Siebestehen, ihrer Hauptmasse nach, aus Kalkstein, wahrscheinlich von mehreren der früher erwähnten'Formation, vorzugsweise aber aus Kreidekalk, an dessen Abhängen wie in den Schluchten der Basalt auftritt. Ein tiefblauer Himmel zieht sich über den klaren, dunklen See hin, dessen Fluth mit ihren vielen lebendigen Bewohnern schon feit vielen Jahrhunderten ein ununterbrochenes Hall- und Jubeljahr feiert; denn als wir hier waren wurde die Stille des See's durch keinen einzigen darüber hinfahrenden Fischerkahn gestört, indem es, für uns bedauernswürdig genug, am Umfang des ganzen Ufers keinen gab. Dennoch ist, namentlich bei Liberias, die Menge der Fische so groß, daß man sich ihrer mit Leichtigkeit durch Hamen und. Netze in den Buchten bemächtigt. Wir konnten, obgleich wir es bestellt hatten, keine erhalten, weil, wie .es schien, der Fischer für den ansehnlichen Pascha im Badehaus zu sehr beschäftigt war. Hasselquist bestätigte durch seine eigne Beobachtung eine Bemerkung, die schon der alte, jüdische Geschichtschreiber Josephus machte, daß sich in dem Wasser des See's (und nach Josephus im Quell von Kapernaum) dieselben Formen der Fische finden, wie im Nil und dem See Mareotis. Wir sammelten am Ufer, an dessen seichteren Stellen das Wasser von etwassalzigem Geschmack ist, die Schaalen derselben Süßwasserschnccken, die wir schon früher in der Nähe der Jordansmündung und am todten Meere gefunden. Die freilich fast "aller ihrer vormaligen Zierden beraubte Pflanzenwelt um Liberias bezeugt es, daß die Ufer dieses See's, wenn man sie nur recht benutzen wollte, ein natürliches Treibhaus zu sein vermöchten, in welchem die Gewächse Egyptens und selbst Arabiens gedeihen würden. Die Dattelpalme, obwohl sehr vereinzelt, stellt eben so kräftig da, wie um Akaba und Alexandria; von dem Balsamstrauch, welchen der viel und glücklich forschende Burkhardt hier autras, konnten wir weder selber eine Spur finden; noch auch -von Andern erfragen. Die tiefe Lage jedoch des Thales, noch unter dem Meeresniveau; der Schutz, welchen ihm die hohen Gebirge in Norden und Osten gegen die kältesten Winde gewahren, die Menge des wärmeren Wassers, daß sich nördlich von Liberias in ganzen Bächen durch den See-ergießt, würde gewiß, einzelne Stellen wenigstens des Ufers, für Anpflanzungen der arabischen Amyris-Arten, wie des Myrrhenstrauches geschickt machen. Uebrigens soll der Winter auch in Liberias zuweilen kalte Stunden und Tage haben; doch gehört die Erscheinung des Schnee's unten am Ufer zu .den großen Seltenheiten Wenn einmal künftig von diesem hehren Paradiese, über dessen stillen, tiefen See ein Geist der himmlischen Gedanken und Erinnerungen schwebt, während in seinem Wasser die erhaben schönste Natur ihr Angesicht spiegelt, noch zwei Unheil drohende Wetterwolken: der Krieg und die Pest werden hinwcggezogen sein, dann wird, bei der großen Erleichterung der Meeresfahrten durch Dampfschiffe, das Wasser der Heilquellen dieses See's ein Sammelplatz vieler Leidenden aus dem Abendlande werden, die in der Heimath vergeblich nach Hülfe suchen. Denn es ist nicht allein die eigmthümliche Kraft des Wassers der hiesigen heißen Quellen, deren Bestandteile