Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1840)
- Article
- Tiberias: Juden daselbst nach dem Erdbeben
- Date
- 1840-02-22
- Page
- 57 (sequence 1)
- Language
- German
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Berichte, Studien und Kritiken Das Abonnement für ein Quartal ist 1 Lhlr. 6 Gr. Man abonnirt bei allen löbl. Postämtern und allen soliden Buchhandlungen. für jüdische Geschichte und Literatur. Herausgegeben von Dr. Zrrlirrs Fürst. Von dieser Zeitschrift erscheinen wöchentlich, das Literaturblatt mitgerechnet, zwei Bogen, und Zwar an jedem Samstag regelmäßig. 8« Leipzig, den 22. Februar 18 4 O. Orient. Liberias (Juden daselbst nach dem Erdbeben. — F r a n kreich (Paris, neue Organisation des Cultus).— B.e lg; en (Brüssel, Saminlung hebräischer Epigramme; die Schriftstellerei Carmoly's; Episode aus der Rede Cremieux's). >— Deutschland Wien (Josef Flescb, Ahron Chorin); Berlin, (Statistik der Juden in Preußen); Bonn. -— Ungarn (Pesth). — Rußland (Krzeminiec). — Literaturblatt des Orients. — Orient. Die Meisten von uns waren von den Maulthieren abgestiegen, denn der Abhang ist sehrsteil, und das Hinabsteigen bis zum Ufer des See's dauerte eine ganze Stunde. Da lag denn, unmittelbar vor uns, das vormals so herrliche Liberias, als ein Gehäuse der Trümmer/ gräßlich anzusehen. Das Erdbeben, am ersten Tage des Jahres hatte die Hauser wie die Hütten der Bewohner alle einander gleich gemacht; Hohes wie Niedriges lag, von gelblichem Staube bedeckt, zusammengesiürzu Doch hatte sich - noch der größere Theil der Ringmauern mit ihren Thürmen, so wie die Hauptmauern des Kastelles aufrecht stehend, wenn auch vielfach zerrissen, erhalten. Sie sind das Werk einer kräftiger bauenden Zeit; vielleicht noch der Tage Gottfrieds von Bouillon, der im Jahre 1109 die Mauern von Liberias errichtete. Ein Zug v.on Kamelen, der, wie cs schien mit Baumaterial beladen zur Stadt, geführt wurde, wollte durchaus nicht neben den Ruinen der äußern Häuser. vorbei, zum Thore hineingehen. Die türkischen Bewohner der Stadt hatten seit den Tagen des Schreckens ihre Behausung in Zeiten, außen vor der Westseite der Stadt aufgeschlagen, einer unsrer-Mucker versprach uns dennoch, mit teil unter den Schutthaufen der gewesenen Stadt Lebensmittel und Obdach zu verschaffen, bei den hiesigen Israeliten, welche den ihnen vielfach heiligen Boden von Tiberias nicht veriaffen hatten, sondern da über dem Schutte, unter welchem viele der Ihrigen vom Erdbeben begraben lagen, leicht gebaute, bretterne Hütten bewohnten. Wir hatten auch aus dieser Reise manche vom Erdbeben niedergestürzte Häuser angetroffen und ich war in frühem Jahren, aus einer Reise durch die Schweiz, über die Statte des wenig Jahre vorher unter dem Bergsturz begrabenen Goldau gekommen. Einen solchen Gräuel der Verwüstung als hier in Tiberias, hätte ich dennoch niemals vorhin gesehen. Vielleicht war es Einbildung, vielleicht auch ein. wirklicher Aushauch der großen Graberstätte, den. die große Hitze dieser Mittagsstunde aus der Tiefe hervorlockte, ich roch, da wir über die Reihe der Schutthausen, welche die Richtung des ehemaligen Bazars bezeichneten, hinübersteigen, allenthalben den Geruch der Leichna.ue und der Verwesung. ' Desto wohler that cs uns, da wir jetzt an einem etwas freieren Platze, an dem es sich leichter athmete, in den Schatten einer Bretterhütte traten, die von einer israelitischen Familie bewohnt ward. Zwar hatte es uns hier (nach dem Bericht mancher neuen Reisenden) nicht unerwartet kommen sotten, dennoch aber überraschte es uns freudig, da die Wuchin der Hütte uns deutsch anredete. Sie, wie die Ihrigen, so viel deren bei dem Untergang der Stadt sich retteten, waren aus den deutschen Provinzen von Polen gebürtig. Die gute Frau ließ uns Wein, Brod und Eier käuflich ab, und erzählte uns dabei von dem Unglück, das sie und ihr ganzes Haus betroffen hatte. Sie und die eine ihrer Töchter, welche kaum vierzehn Jahre zählte, waren durch das Erdbeben Wittwen geworden; Mann urrd Schwiegersohn wurden mit mehreren andcru Verwandten und Freunden unter den Trümmern der niederstürzenden Häuser zerschmettert und begraben. Dasselbe Loos traf mehrere Hunderte der Einwohner und eine noch größere Zahl wurde zwar nicht gerödtet, wohl aber mehr oder minder schwerverletzt. Die beiden Frauen hatten sich, als das Ettbeben (bald nach Mittag) kam, gerade außerhalb des Hauses befunden. Wahrend wir uns somit unsrer gesprächigen Mrthin unterhielten, kamen einige Aschkenasi'm (so nennen sich hier die polnischen Juden), Landsleute und Bekannte der 8