Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 7 (15.2.1840)
- Article
- Leo der Hebräer
- Date
- 1840-02-15
- Page
- 100 (sequence 4)
- Language
- German
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103 Dialogen über, die Liebe. Tableau ihres Inhalts und ihrer Gedankenfolge. 104 Dann, zum Problem zurückkehrend, dringt er bis zum Urborn aller Liebe, der ewigen Liebe Gottes zu sich selber, vor. Er sagt, daß nicht mit Unrecht der menschliche Verstand die göttliche und einfachste Einheit unter dreifacher Form und dreifacher Beziehung auffasse: des Liebenden, des Geliebten und der Liebe, oder: des Verstehenden, des Verstandenen und des Verstandes; diese Trinität beeinträchtigt nicht nur die göttliche Einheit nicht, sondern befestigt und bestätigt sie vielmehr. Aus dem göttlichen Wesen entspringen kraft seiner reciproken Liebe die drei edelsten Erzeugnisse, der inlelhctas primus* Me maieria prima. tmb das Universum. Die zweite Stelle nach der Liebe Gottes zu sich selber nimmt die Liebe Gottes zu dem All der geschaffenen Dinge ein, deren Erzeuger er im höchsten und umfassendsten Sinne ist, während der erste Intellekt und die erste Materie nur secundäre Erzeuger oder vielmehr die nächsten Werkzeuge des erhabensten Bildners sind. Bei der Weltgründung stoffen nothwendig drei Lieben (eimores) zusammen : a) die Liebe Gottes zur Welt und dm beiden secundaren Erzeugern der Wett, b) Die Liebe dieser beiden, des Chaos nämlich und des ersten Intellekt, zwischen denen die höchste wechselseitige Liebe besteht, c) Die Liebe aller Theile des Weltgebäudes sowohl unter einander, als zu dem Ganzen. Diese dreifache Liebe ist nach Aristoteles ewig; nach Plato theils ewig theils zeitlich; nach der Offenbarung haben alle drei zu sein einst angefangen. 3) Die Liebe entsprang mir Beginn der Weltschöpfung bei Gott, sie drang zu dem mit der ersten Materie in ehelicher Zärtlichkeit verbundenen höchsten Intellekt, schwang sich alsbald hinüber in die Region der Engel, bestieg dann die Sphärenleiter der Himmel und kam zuletzt in diese niedere Welt hernieder. Die Liebe der Engel üst eine größere, edlere und vorzüglichere, weil sie eine höhere und reichere Erkenntniß der ihnen mangelnden Schönheit, somit auch eine mächtigere und stärkere Sehnsucht haben, welche jenen Mangel nicht allein ausgleicht, sondern noch weit übersteigt. Der Mangel der Schönheit ist an allen Wesen ein gleichmäßiger, wenn man ihre unermeßliche Entfernung von der unendlichen Schönheit Gottes betrachtet; er ist ein ungleichmäßiger, je nachdem die geschaffenen Dinge mehr oder weniger den Abglanz der unendlichen Schönheit tragen, und je nachdem die Erkenntniß des Mangels in ihnen größer oder minder ist. In den Engeln ist der Mangel ein minderer, die Erkenntniß desselben aber eine größere; in dm sublunarischen Wesen hingegen ist der Mangel von höherem, die Erkenntniß von minderem Grade. Die Engel haben eine klarere Erkenntniß der göttlichen Schönheit, als die Menschen, weil sie einen aktuaten Intellekt besitzen oder vielmehr selbst actuales intelleclus sind; die Menschen hingegen haben nur einen intelleclus poiesialis, der lediglich, wenn er mit dem intelleclus agens' in Verbindung tritt, zur Actualirat gelangt und in diesem als einem reinen und klaren Spiegel die Glorie der göttlichen Schönheit schauet. Hierin besteht eben die von den Philosophen gepriesene Glückseligkeit, die der Mensch anzustreben hat. Die Theologen aber, aus das Beispiel Mosis gestützt, hatten nicht blos eine Vereinigung des Menschen mit dem wirkenden oder engelischen Intellekt, sondern mit dem göttlichen Intellekt selber für möglich, dies freilich um so eher, je weniger die Fesseln des Körpers den Aufschwung zu solcher Höhe behindern. Doch kann die göttliche Schönheit von keinem geschaffenem Geist in ihrer unendlichen Fülle und Vollkommenheit begriffen, sondern nur relativ, je nach der Fähigkeit des erkennenden Subjekts, erkannt werden. Denn die Gotteseckenntniß ist eine dreifache: a) die, deren Subject der menschliche Verstand ist; b) die der Engel; c) die deren Subjekt und zugleich Objekt Gott ist, die höchste und archetype. Auch die Engel, obgleich in dem vortrefflichsten Zustande, sind nicht frei von Bewegung, unentwickelter Potenz, von Lieben und Sehnen, das gerade aus Gottes unendliche Schönheit gerichtet ist, und dies nicht (was wider die Natur des natucmaßigen Sehnens wäre) ohne die Möglichkeit der Erreichung des Ersehnten. Plato's wunderlicher Einfall von dem großen Dämon der Liebe soll lediglich das nur potentiell schöne Princip der menschlichen Liebe verdeutlichen. 2Cuf welche Weise die Liebe von der engelischen Welt ausgehend sich über die himmlische und zuletzt die niedere Welt verrbreitet habe, darüber haben sich zwei Ansichten geltend gemacht: «) nach Avicenna, Atgazali, Rabbi Mose u. a. m. sinkt die göttliche Schönheit und Liebe, von Gott anhebend, nicht mit Einem Male, sondern mit Beobachtung eines stetigen stusenfolgigen Reihenganges durch alle mittleren Intelligenzen, und mitteninneliegenden Sphären allmätig bis zur ersten Materie herab, steigt, einen Cirkel beschreibend, durch alte in der Mitte befindlichen Formen allgemach wieder empor und kehrt zu Gott zurück, dem sie ihren Ursprung verdanket; ö) nach Averroes ergießt sich die unendliche Schönheit Gottes ohne Mittel und Mittelglied, jedoch nach Maßgabe der Dinge, in das Weltall, und auch die von oben her eingesenkte Liebe wird allen Theileu und Theilchen.der Welt, ohne irgend ein Medium, jedoch nach mannigfachen Graden und Beziehungen, alsbald von Gott selber mitgetheilt. 4) Die Eltern des Liebesgottes nach den Mythen der klassischen Dichter. Deutung des Mythus von dem doppelten Cupido. Die Geschichte von dem Proteplasten als erst später gezweitheilten Androgynos, aus Plato's Symposion, angeblich übereinstimmig mit dem versteckten tieferen Sinns der mosaischen Erzählung. Allegorische Auslegungen der biblischen Erzählung von der Bildung tmb dem Falls der ersten Menschen. Auch die Fabel vom Androgynos, obgleich ihr historische Glaubwürdigkeit vindmrt worden war, wird allegorisch ausgelegt von der harmonischen