Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 6 (8.2.1840)
- Article
- Leo der Hebräer
- Date
- 1840-02-08
- Page
- 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/8555529-9891396-9891406-2361654--0094-2361678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
87 88 Lebensgeschichte Don Jehuda^s. (geb. 1571, st. 1648 als Rabbi von Venedig) erkennen. Aber nicht die Kabbala an sich, sondern in ihrer Vermischung mit dem Neuplatonismus geht uns hier an, und diese Richtung eben vertritt Leon der Hebräer. Wie Don Isaak Abarbanel die Glanzperiode des jüdischen Aristotelismus würdig beschließt, so repräsentirt sein nicht gelehrterer, aber tieferdenkenderer Sohn den schnell erblühten, aber auch schnell verwelkten jüdischen Neuplatonismus. Die beiden Abarbanel's gewinnen so in der jüdischen Culturgeschichte eine hohe Bedeutung. Don Isaak wendet die Kräfte eines langen einflußreichen Lebens und die Anlagen eines gebildeten nüchternen Geistes an, um nach dem Vorbilde Maimuni's den. Peripatecismus mit der Offenbarung zu untren, und Don Jehuda, bei seiner feurigen Phantasie des aristotelischen Scholasticismus überdrüssig, arbeitet, wie der Graf Mirandola, an einer Vereinigung des Plato und Aristoteles durch Unterordnung beider unter den Mysticismus der neuplatonischen Schule und der synagogalen Kabbala. Das System Don Jehuda's ist in den Dialogen über die Liebe niedergelegt und von dem Mittelpunkte des Begriffs und der Charaktere der Liebe aus entwickelt. Zuerst einige Notizen über die Persönlichkeit des Verfassers, dann die Geschichte und Analyse seines Werkes. Leo der Hebräer (Leone Hebreo), sonst Mestre Leon (Messer Leone im Meor Enajim) oder mit. seinem eigentlichen jüdisch-spanischen Namen Don Jehuda Abarbanel i) genannt, ist der älteste Sohn des unter Alfons V. am spanischen Hofe glänzenden Don Isaak Abarbanel. Er wanderte zugleich mit seinem Vater in dem verhängnißvollen Jahre 1492 aus Spanien nach Neapel aus, wo Letzterer die Gunst des Königs Ferdinand von Neapel gewann, und begleitete ihn zum zweitenmal, als er mit Alfons, dem Nachfolger Ferdinands, nach Messina floh. Nachdem er so ein zweimaliges Exil mit seinem Vater gekheilt hatte, ließ er sich erst in-Neapel, dann in Genua nieder.Bei seiner Ankunft in Italien stand er schon in reiferem Alter; man kann dies mit Sicherheit aus dem dritten der Dialoge schließen, in welchem das Jahr 5262 (1502) als das laufende angegeben ist.* * 3) Bereits also in 3) So heißt er bei Azaria de Rossi, der ganze Stellen der Dialogen citkrt, im Meor Enajim XXXV. B. II. k. 137. ed. BeroL, wo dieser erzählt: „Nach langem Suchen habe ich hier in Ferrara im Midrasch des zu seiner Zeit grossen Isaak von Fago und unter den von Don Jehuda Abarbanel hmterlassenen Büchern 'HÖD) vier alte handschriftliche Commentare Kimchi's gefunden." Anderswo nennt er ihn iTV)l"P 1 und, wie oben erwähnt, 2) Nie. An ton ii Bibi. Nov. Hispan. 11. S. 678. d. 3) Nach Wolf aus der Veneta (1564) ist die angegebene Jahrzahl 5266. Aber bei Saracenus heißt es wörtlich: Sophia. Ex septeni annorum millibus quot hucusque diesem Jahre beendete er seine Dialogen, die schlechtem dings nur auf dem Grund und Boden Italiens begorrnen sein können. Es setzt theils hohe Anlagen theils' glückliche gesellschaftliche Connexionen voraus, daß der in aristotelischer Philosophie erzogene, aber gewiß, bei der glanzenden Stellung seines reichen Vaters, in allen Wift sensfächem unterrichtete Abarbanel sich so bald der neuen, im neuen Vaterlande wuchernden philosophischen Richtung Gemeisterte, und die neuerlernte Sprache zu einer in die Tiefen der Philosophie sich versenkenden schriftstellerischen Arbeit zu handhaben wußte.4 5) Philosophie und Machematiß waren sein LieblingsstrHium; dabei war er praktischer Arzt, wie sein Beiname Medic« Hebreo auf dem Titel der spanischen Uebersetzung beweist. Er scheint identisch mit dem Leo Hebräern, den der Graf Jo. Picus von Mirandola einen ausgezeichneten und berühmten Mathematiker nennt, dem er die Erfindung eines neuen physikalischen Jnstnrments zuschreibt, und dessen mit mathematischem Scharfsinn abgefaßte Canones er gesehen zu haben bekennt. 5) Steht dieser Identität außer der zu beseitigenden chro- * nologischen Schwierigkeit (Picus Mirandola starb nicht 1484, wie Wolf irrig sagt, sondern erst dm.17. Nov. 1494 zu Florenz) Nichts entgegen, so ist zugleich die Frage nach dem Impuls zu der neuen Geistesrichtung Leon's pragmatisch gelöst. In der That ist der geistige Rapport zwischen Leon und Mirandola ein so enger, daß die Vermuthung einer näheren persönlichen Bekanntschaft nicht fern liegt,- zumal da der in die jüdische Kabbala verliebte Graf alle Mittel hastig ergriff, seine Kenntniß der kabbalistischen Literatur zu bereichern. Eine schwierigere Frage ist die, ob Leon , sein Werk als Jude ge-- elapsi fueruntl Philo. Supputaneli Hebraicam serr antes rationem q u i n t u m m i 11 e s i m u m d u Cent e* s i m u m sexagesimum seenndum annuin a creationis exordio nunc agi dicemus.. S. Pistorius, Artis Cabbalisticae Sciiptoves 1. S, 500» 4) Freilich mochte der italienische Styl des Werkes noch manche Spuren der ausländischen Abkunft des.Schreibers tragen, über die man aber in Italien bei der inner» Reichhaltigkeit und Vollendung des Werkes hlriwegsah. Ben. Narchi im Dialogo Hercolano sagt tu vollem Ernste: „Sä i dia* loghi di Ijcoue Hebreo , dove si ragiona d’Amore, fossero vestiti, come meritebbero, nei non haremmo da itividiare nä i Latini, ne i Greci.“ Und Saracenuö sagt in der Vorrede: „Bum supeiioribus diebus in Leonis Hebraei doetissimi atque eruditissimi viri dialogos, qui de AMORE inscrilmntur, incidisseni eosque propterea quod lingua nec adinodum spien di da aut elegant!, nee studiosis Omnibus communi ab ipsomet auctore olim conscripti fuerunt, a paucissimis legi animadvertissem, quin etiam eos complurihus locis corrupfcos ac mutilatos esse perspexissem, tantani ignominiam aequo animo ferendam esse minime duxi". 5) Bibi, contra Astrologos IX, 8. S. 454. XI. S» 459. 436.