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Der Orient · 1840-02-08 · 6 (8.2.1840) · p. 83

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Journal
Der Orient
Volume
1840
Issue
6 (8.2.1840)
Article
Leo der Hebräer
Date
1840-02-08
Page
83 (sequence 3)
Language
German
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85 Werhältniß beider Äbarbanels zu einander. Lebensgeschichte Don Jehuda's. 88 tonischen, selbst bis auf die griechische Liebe congenialen Begeisterung und seines aus Heidnischem und Christlichem seltsam gemischten Mysticismus, der die-Mysterien der Gottheit und der Natur in geheimst'nnige Worte und Bilderreden zu bannen suchte, auf seinen Schüler und Freund, den Grafen Ioh. Pico von Mirandota über, ein Mann von staunenswürdigen Anlagen (Scaliger nennt ihn: monstrum sine viiio), der sich bei der unecmüdeten Strebsamkeit feines tiefdenkenden Geistes unmöglich in dem Angelernten beruhigen konnte, sondern die vorgezeichneten Bahnen wie ein glanzender Irrstem weiter und weiter verfolgte. Indem er den morgenlandischen Quellen der platonischen Weisheit nachging, um das Eldorado zu finden, dem Plato seine goldenen Gedanken entnommen, gerieth er in das Labyrinth der jüdischen Kabbala, auf die unter den Christen zuerst Raymundus Lullus bedeutsam hingedeutec hatte. Er gab sich mit Leib und Seele dem Studium der falschberühmten Kunst hin, und vergrub sich in die aufgespeicherten Literaturschatze der von Babylonien nach Europa herübergekommenen und von Apulien und Südfrankreich aus über Nordspanien und Süddeutschland verbreiteten Geheimlehre, in welcher er den die Pforten der verborgenen Weisheit öffnenden Salomons-Schlüssel gefunden zu haben meinte, und gebrauchte sie als Vermittlerin zwischen alt- und neuplatonischem Griechenthum und,der göttlichen durch sie gedeuteten Offenbarung. Durch seine angestaunte Gelehrsamkeit, sein hochvermögendes Ansehen und seine eben so genialen als gelehrten Schriften gewann die neue, gleich stark hellenisirende als judaisirende Richtung eine weite Verbreitung.5) Durch ihn wurde ö) Der Graf Giovanno Pico de Mirandola (geb. 1463, gest. zu Florenz 1494 im 33. Jahre seines Alters), zubenannt Phönix, ist eine aller Aufmerksamkeit würdige Persönlichkeit. Adel der Geburt, Schönheit des Körpers, Frühreife des Geistes, Leichtigkeit der Auffassung und Tiefe der Anschauung — alle diese Vorzüge und Gaben vereinigten sich in dem jungen Manne. Bereits im 22. Jahre schrieb er seinen Heptaplus, einen an Lorenzo d e Med ici gerichteten Commentar zum 1. Cap. der Genesis. Sein Gedachtniß war ein außerordentliches; seine Kenntniß der griechischen, hebräischen, aramäischen und arabischen Sprache eine mehr denn oberflächliche. Gr zeichnete sich, wie man ihm nachrühmt, in jeder einzelnen der encyklischen Wissenschaften so aus, als ob er ihr allein sein ganzes Leben gewidmet hatte. Er war zugleich Dichter, doch sind nur wenige seiner theils italienischen theils lateinischen Gedichte gerettet, da er seine jugendlichen Poesien, unter diesen o Bücher erotischer Elegien, nach Plato's Vorbild verbrannte, als er sich den ernsteren Studien hingab. Seine 900 zum Theil kabbalistische Thesen erregten eben so viel Staunen als Widersprüche; 13 wurden für häretisch erklärt, Pico mußte sich bei Alexander VI. in Rom verantworten. Der Gram über diese vermeinte Verkennung und Beschimpfung nagte ihm endlich das Herz ab, so daß er unter Seufzern und heimlichen Klagen zu Florenz in blühendem Alter verschied., Jene Opposition hatte aber auf ihn einen heilsamen, lauternden, ihn in sich selbst zurückdrangenden Eindruck gemacht. Sein Reuchlin (Capnio, st. 1521) angeregt, der, nachdem er das zweite- Mal in Italien gewesen war, erfüllt mit Liebe zur orientalischen Literatur und namentlich zue jüdischen Kabbala, zurückkehrte; seine beiden Werke de verho mirifico und de arte cahbuUHicci, jedenfalls Denkmale eines großen aber mißgeleiteten Geistes, Haben den Zweck, aus der Symbolik der pythagoreischen Philosophie und jüdischen Kabbala die heimliche Weisheit zu entwickeln. Reuchlin ist dem Standpunkte eines besonnenen Kritikers entrückt, und von dem Strome des behandelten Gegenstandes dergestalt fortgerissen, daß er allen festen Grund und Boden unter seinen Füßen verloren hat. Wo möglich in noch höherem Grade gilt dies von dem unter gleichen Einflüssen stehenden jüdischen Convertiten Paulus Ricius, erst Prof, der Philosophie zu Pavia, dann Leibarzt Kaiser Maximilians, dessen Werke de arcana Bei promdentia, de tmimxi coeli und namentlich das dialogische de Coelesti Agricullura zwar im Dienste der Kirche, aber nicht des einfachen, dergleichen Sublimirung und Potenzirung ablehnenden Evangelii geschrieben sind. Agrippa von Nettesheim, Paracelsus Bombasins, Robert Fludd, die Rofenkreuzec — find die enthusiastischen Weiterbeförderer dieser neuplatonisch-kabbalistischen Geheimlehre ' und Geheimpraxis, welche krebsartig um sich griff und so epidemisch wurde, daß zu Anfänge des 17. Jahrhunderts Deutschland von Alchymisten, Astrologen, Traumdeutern, Nekromanten, Paracelfisten rc. wimmelte. -- Wir wollen jedoch die Geschichte dieser Richtung nicht weiter verfolgen, sondern ihre Rückwirkung auf die Synagoge, von der. sie zum Theil ausgegangen, an der Person Leon des Hebräer's betrachten. Es ist faktisch, daß die von den christlichen Neuplatonikern begünstigte Kabbala auch innerhalb der Synagoge Italiens gleichzeitig mit Emst und Eifer betrieben wurde, ja daß Italien das Seminar war, in dem In- und Ausländer in die esoterische Weisheit eingeweiht wurden, und der Sammelplatz, wo die Jünger derselben von Westen und Osten zufammenkamen — wir können das Unwesen der italienischen . Kabbalisten einigermaßen aus dem anlikabbalistischm Ari Nohem des übernüchternen Leon da Modena Buch de ente et uno, in dem die Coordmation und Correlation beider nachgewiesen wird, hat den Zweck, die Harmonie des Plato und Aristoteles, so anders beide Philosophen richtig verstanden würden, darzuthun. Sein crpus in Ast.rologiam ist ein Beweis für seine Stärke in dieser Wissenschaft, und zugleich, wie Hier. Savonarola bezeugt, seiner Abneigung gegen die vana superstitio derselben. Jean Baptist Gelli bemerkt in feinen Discours Fantastiques roogl mehr witzig als wahr: „Picus Comte de la Mirande ayant preueu par l’Astrologie qu’il devoifc mourir jeune et Savonarola par .lustice, commencerent ä se faire croire, qit’eHe estoit inensongere, et tous deux Pont descrie par ieurs Escrits.“ 6*

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