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Der Orient · 1840-02-08 · 6 (8.2.1840) · p. 82

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Journal
Der Orient
Volume
1840
Issue
6 (8.2.1840)
Article
Leo der Hebräer
Date
1840-02-08
Page
82 (sequence 2)
Language
German
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83 84 Leo der Hebräer. Der christliche und jüdische Neuplatonismus. Ficinus kann man sich ein wahrheitgemäßes Urtheil über die Verdienste seiner griechischen Zeitgenossen bilden; schon eine oberflächliche Prüfung überzeugt uns, daß beide die klassische Philologie durch die trügerischen 'Tuben der alepandrinischen Schule betrachteten. Die . Schriften des gelehrten Italieners sind entstellt durch mystische den . Wörtern und Zahlen beigelegte Kräfte, durch astrologische Traume, durch die Lehren von, Perfektibilitat und Theurgie, und vor allen durch >eine fuc. die Religion verderbliche falsche Philosophie und eine für die Philosophie verderbliche falsche Religion. Die Schwärmereien der Platoniker, dergestalt durch Minus mit der ächten Doctrin Plato's zu einem Körper verbunden^ drangen in die 100 Jahre später von Serranus besorgte Ausgabe der Werke Plato's ein, die unter den Auspicien Heinrich I V. von Frankreich erschien. Die Grundsätze der a lexandrini sch en Schule waren schon mehrmals mit dem Pseudochristenthum von Constantinopel verwoben worden. Die Logik .der westlichen Scholastiker, der prätendirten Nachfolger des Stagiriten, war lange - eine Stütze der römischen Hierarchie gewesen. . So mußten durch ein sonderbares Geschick die Werke der beiden großen Meister der Sokratischen Schule, welche,- recht verstanden, . eine Handleitung zur Schwelle des Evangeliums werden können, in mißgedeuteter, verkehrter und verderbter Gestalt als Hülfsmittel dienen, das Gewissen einzuschtafern unb die Vernunft gegen das Licht der Offenbarung zu verschließen. Die Verkehrungen des Platonism, durch eine widersinnische Vermischung der Philosophie und Mythologie herbergeführt, brachten die kindischen Fabeln des Atterthums wieder in Aufnahme. Wie die Platoniker unter den Ptolemäern sich bemühten, die Ketten des Heidenthüms zu vernieten, wie die Ptatoniker unter den römischen Kaisern fanatisch zu seiner Vertheidigung kämpften, so hofften die Platoniker unter den Medici, die Rückkehr der Welt zu dem gebannten 2lbergtauben mit Augen zu sehen. Gemistus Pletho, welcher dem Eoncil zu Florenz 1438 beiwohnte, stellte in den dort gehaltenen gelehrten Conferenzen den Satz auf, daß das ganze Menschengeschlecht in wenig Jahren sich zu Einer Religion' bekennen würde, und gefragt, ob zur christlichen oder muhammedanischen, erwiederte er: „zu keiner von diesen, sondern zu einer der Religion der Heiden nahe verwandten/^) . Er meinte damit die Mythologie der Griechen in. ihrer Ausbildung durch die Theoreme und Allegorien der Platoniker. 2) Vgl. Ficinus de Vita coelitus comparanda. Die Capitel de vir tute verborum ad benefieiuni coeleste eaptandum u. ff. athmen den Griff der Enneaden Plotins, nicht der Dialoge Plato's. Ficin nannte seine Geistesverwandten Fratres in Platune, imt) hatte in seiner Kammer neben dem Bildnisse Plato's eine immerbrennende Lampe hangen/ 3) Leo AHaiius: de Georgiis bei Fabric. JBiblioth. Graeca X.. S. 153. Wahrend der päpstlichen Regierung Paul II. wurden mehrere Mitglieder der Academia platonica von Rom wegen der, wie es scheint, nicht grundlosen Anklagen der Gottlosigkeit und des Heidenthums verfolgt. Ein Brief eines angesehenen Mitgliedes jenes .„ heiligen Collegii" wahrend der Regierung Paul II. und der vier vorausgehenden Päpste, mag ein Beleg für das neue, unter der Ägide Plato's stabilitte Heidenthum sein. Ich meine den bereits erwähnten Bessarion, den Zögling Gemistus Pletho's und eifrigen Förderer seiner Ansichten in Italien. Der christliche Cardinal schreibt über den Tod seines verehrten Lehrers folgendermaßen an dessen verwaisten Sohn Demetrius und Ändronikus: „Ich habe eben erfahren, daß unser gemeinschaftlicher Vater und Erzieher seine irdische Hülle abgelegt und seinen Flug zu den reinen Regionen des Himmels genommen hat, um sich im mystischen Bacchustanz an die olympischen Götter anzuschließen. Ich freue mich der Freund und Gefährte eines solchen.Mannes gewesen zu sein, neben dem sich Griechenland, nach Plato selber-, wohl keines weiseren rühmen kann. Gemäß denen, welche die pythagoreische und platonische Lehre von der beständigen Auf- und Niedersahrt der Seelen als wahr annehmen, trage ich kein Bedenken zu behaupten, daß die Seele Plato's, gebunden durch die unwiderstehlichen Gesetze des Fatums, den bestimmten Umlauf der irrdischen Wallfahrt in dem Körper Pletho's, als ihrem geziemendsten irdischen. Rastort, vollendet hat. Ihr würdet euch würdelos benehmen, wenn ihr euch nicht freutet und in die Hände klatschtet; denn es würde aller Frömmigkeit zuwiderlausen, einen solchen Mann zu beklagen, einen Mann, welcher der Ruhm Griechenlands ist und dessen Ruhm bei der Nachwelt nimmer sterben wird." So weit habe ich die Züge in der Schilderung des durch das Eindringen der Osmanen veranlaßen letzten Umschwungs des lateinischen Mittelalters von einem gelehrten Britten2 3 4) entlehnt, der bis jetzt in Deutschland wenig bekannt ist, aber in der That in die Philosophie des Aristoteles und der Aristoteliker tiefer emgedrungen ist, als irgend ein anderer. Noch fehlen aber einige charakteristische Züge in dem Gemälde der platonisch-hermetischen Philosophie, die wir auszuführen versuchen wollen, ehe wir die Persönlichkeit Leo des Hebräer's ins Auge fassen. Marsilius Ficinus trug das Ganze seiner pla- 4) Es ist John Gillies, der seiner zweiten Ausgabe der Uebersetzung deb aristotelischen Ethik und Politik beigegeben hat An Account of the lnle.rpre:ers and Corrupters of Aristotle’s Philosophj7, in Connection nith the Hisfcory of the Times, in which they respectively florished. Die erwähnte Ausgabe ist erschienen: London, 1804, in zwei Bdn. Der gelehrteste Kenner der aristotelischen Philosophie in Deutschland, Adolph Stal) r, hat in seiner Uebersetzung der Politik (Leipzig, 1839) das ihm wahrscheinlich unbekannte Werk des Britten nicht einmal genannt. '

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