Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1840)
- Article
- Hebron: Zustand der Juden daselbst ; die Machpela
- Date
- 1840-02-08
- Page
- 42 (sequence 2)
- Language
- German
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42 der Stadt lag der Haupteingang zu dem vielwinklichen Gehäuse und Gewicre der Häuser, welche zusammen das Stadtviertel bilden, in welchem die meisten Israeliten von Hebron beisammen' wohnen. Es dauerte auch späterhin einige Zeit, bis ich mich in diesem Labyrinth der kleinen gassenartigen Höfe, der Nebeneinzüge und der auf- und niedersteigenden Treppen zu meinem Zimmer finden lernte. Doch herrschte hier eine im Orient seltene, große Reinlichkeit, zu welcher diesmal die Osterfeier unserer israelitischen Gastfreunde auch das ihrige beige- , tragen hatte. Schon vor dem Haupteingang zum Judenquartier empfing uns unser Wirth, der Oberrabbine, ein schöner, ansehnlicher Mann in reicher Kleidung. Vor den Thüren der einzelnen kleinen Wohnungen saßen und standen Frauen, Mädchen und Kinder in ihrem Festtagsschmucke, um die neuankommenden Fremden zu sehen. An der Thüre der stattlicheren und größeren Rabbinen-Wohnung zeigte sich mit ihrem reichen, goldenen Halsschmuck die jugendliche, wohlgebildete Frau unsers Wicthes. Da diese uns deutsch reden hörte, fragte sie freudig: Ihr sprecht ja polnisch, seyd ihr aus Polen? (die Juden in Polen sprechen die deutsche Sprache). Statt Polnisch und Polen, was die gute Frau hatte benennen wollen, verstand ich Baierisch und Baiern, und antwortete eben so freudig als jene gefragt hatte: „Ja," jetzt versammelte sich alsbald ein Häuflein der Deutsch redenden Jünglinge und Kinder, besonders um meine jungen Freunde her, und die Frauen und Mädchen hörten in einiger Entfernung den deutschen Fragen und Antworten zu. Wir erfuhren gleich bei diesem ersten Gespräch, daß damals (1837 im Marz) über sechszig Jüdische Familien, die man gewiß^zu sechshundert Seelen anschtagen darf, in Hebron wohnten und lebten; ein ansehnlicher Theil von ihnen besitzen außer dem eignen Hause auch Oel- und Weingärten, sowie andre Grundstücke. Ich vermag es nicht zu beschreiben, wie es mir an diesem Tage des stillen Sabbats zu Muthe war, als. ich sammt meiner treuen Lebens- und Reisegenossi'n in das kleine, freundliche Zimmer eingeführt wurde, das man uns zur Wohnung eingeräumt hatte. Da war ja Wässer zum Waschen; ein Teller voll lieblich duftender, goldgelber Orangen , ein sehr wohlschmeckendes Festtagsbrod und eine Flasche köstlichen Weines. Die Bewirthung in dem reichsten, ansehnlichsten Hotel von London oder Paris hatte mir andre Male nicht ausgesuchter und kostbarer erscheinen können, als jetzt, am Ende der vierzigtägigen Wüstenreise die Bewirthung in dem Zimmer des wackren Ober-Rabbinen zu Hebron. Unmittelbar vor unserm Zimmer führten einige Stufen auf eine kleine Terasse, mit der freien Aussicht nach dem unter und bei dem Hause gelegenen Baumgarten und nach dem der Stadt gegenüber gelegnen Berge, welchen einst ein Theil von Mamrcs geheiligtem Hain umschattete. So wohl mir die lang entbehrte Ruhe auf den zu ihr einladenden Polstern that, und so sehr auch der heutige stille Sabbat zur Ruhe ermahnte, konnte ich doch dem Drange nicht widerstehen, in Begleitung meiner jungen Freunde und eines im Orte einheimischen Führers noch heute einen Theil von Hebron zu besehen. Wir hatten nicht Ursache, die unbedeutende Anstrengung zu bereuen, denn durch diese kleine Aufopferung der äußern Ruhe war die Kraft des Ausruhens nn/dem großen Sabbatsgedanken,, der sich dem Pilger .zu Hebron darbeut, nur noch gewachsen und gestärkt worden. Hier in dem Felsen, den uns das Gebäude 'verdeckte, ruheten Abrahams Gebeine; dort bei jenem alten Gemäuer stand Davids Königshaus*); dort jenseits der Stadtmauer die alterthümliche prächtige Cisterne ist noch ein Werk dieses Königes, dem die höchste der Verheißungen und die klare Voraussicht ihrer Erfüllung beschieden war. Der Abend war etwas trübe, eben hierdurch aber lieblich gekühlt; ein frischer Wind vom Thale herauf erging sch in den Zweigen der alten Pistazienbäume und entlockte dem zerrissenen Gemäuer, das neben Abner's Grabmale emporsteht, Laute, wie Töne einer fernen Harfe. Als ich nach Hause kam, fand ich die Familie des Oberrabbinen nebst einigen andern zu ihr gehörigen Personen in unserem Zimmer, bei meiner Hausfrau sitzend. Die Unterhaltung war deutsch gewesen, wobei die Frau des Oberrabbinen für ihren Mann die Stelle eines Dolmetschers vertreten hatte. Er selber, unser Gastfteund, sprach übrigens auch etwas Italienisch. Ich lernte in ihm einen gelehrten und frommen Israeliten kennen, der schon vor. mehreren Jahren hierher, in das Land der Verheißung gezogen ist, weil er des Trostes Israels als eines noch künftigen, aber nahe künftigen wartet. Dergleichen fromme Israeliten, welche in der Hoffnung auf die Verheißung, welche geschehen ist von Gott zu ihren Vätern, Alles verließen und in das alte Land der Vater zogen, lernte ich in Palästina, vor allem in Jerusalem, Viele kennen. — Der erste Gang, den ich machte, war nach der Moschee gerichtet, welche die zweifache Höhle oder Machpe la umfaßt. Da hier das Denkzeichen, welches die Geschlechter von vier Jahrtausenden mit Ehrfurcht betrachteten, nicht an einem leicht zerstäubbaren Menschengebäude, sondern an einem mächtig festen Werk der Natur haftete', läßt sich kaum ein gegründeter Zweifel gegen die Annahme erheben, daß hier das Grab dessen gewesen sei, den selbst die heidnischen Bewohner des Landes als einen Fürsten Gottes erkannten. Die Moschee liegt am südöstlichen Ende der Stadt; ihr eigentliches Gebäude ist von hohen Ringmauern umgeben, zu deren Jnnenraum ein festgemauerter Bogengang führt. Schon gestern hatten wir die türkischen Hüter dieses Einganges zu den Vorhallen und *) Dieses jedoch nicht nach der Tradition-der hiesigen Israeliten, von welcher ich nachher reken will.