Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1840-02-01 · 5 (1.2.1840) · p. 68

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1840
Issue
5 (1.2.1840)
Article
Gedichte von Moritz Fränkel und Max Ring [Rezension]
Date
1840-02-01
Page
68 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/8555529-9891396-9891403-2361602--0077-2361632
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

71 72 Gedichte von M. Frankel und M. Ring, beurtheilt von Carl Maien. der Lowe mehr ein Repräsentant des Raubes, und das Reh mehr ein Bild der Unschuld sei? Nun kommt Herr Ring. Darüber nur gestatte man mir einiges Erstaunen, daß unter den beiden Herren nicht immer Einer den Andern auf dessen Ungereimtheiten aufmerksam gemacht hat. Wie Herr nur beiläufig gesagt, als Dichter der Liebe von des „Kusses Gö ttermctl)" phantasier, so hobelt Herr Ring an der Poesie so lange, bis er einen „Schrein des Herzens" erblickt; so erlustirt er sich gern an medizinischen Betrachtungen, und sieht „die Brüste der seligen Braut wogen" (die Mediziner lieben immer die Mehrzahl) ' und studirt Angiologie an den Gassen und Platzen von Paris (S. 121) u.s. w. u.s. w.— Würde ich so recensiren, wie die Herren F. und R. dichten, so müßte ich hier schon ausrufen: Eheu 5 jam satis! aber ich thue es nicht; ich gehe weiter, und will Herrn Ring noch dies und jenes sagen. Manches Urprincip, nicht der Poesie, aber selbst der nackten Rhetorik, ist ihm durchaus unbekannt; davon will ich gleich einen sprechenden Beweis geben. Die hyperbolische Redeweise muß vor allem am rechten Orte angewandt werden, und dient in der ernsten Poesie wohl dazu, das Geringere durch die phantastische Uebertreibung zu erheben, nie aber das Großartige zu den unbedeutendsten Kleinigkeiten herabzuziehen. Man darf (so sophistisch dies auch klingt) das Kleine wohl mit dem Großen aber nie das Große mit dem Kleinen vergleichen. Ovidius, der an die letzte bittere Scheidestunde in Rom denkt, wagt es den Jammer seines Hauses mit dem Ungeheuern Falle Troja's zu vergleichen, und das ist schon, und kann uns nur rühren; wenn aber Priamos Herrn Naso gekannt hatte, und wollte den Sturz seines Königreiches recht lebendig schildern, indem er fange: So hat es im Hause des verwiesenen Dichters ausgesehen, als er Rom verlassen mußte -— dann dürften wir ihm wohl sagen: Herr Priamos, Sie machen sich lächerlich! Und dies sage ich Herrn R. wenn er S.133 vom „König Lenz" singt: „Es lud m*s ein Herrscher zum ländlichen Fest, Der Frühling beim herrlichsten Wetter, Es brachte sein Jockey — der flüchtige West — Statt Karten, uns Blüthen und Blatter. Der Boden war eitel Seide und Sammt, Die Teppiche golden durchwoben, Als Leuchter hing Mond und Sonne entflammt, Lasur war die Decke hoch droben. Die S p i e l l e u t e hingen im grünen Balkon Und jauchzten und sangen hernieder. Es tanzten im silbernen Ballkleid so zart, Wie Damen am Hof, die Kaskaden." u. s. w. Es scheint beinahe, als ob der Dichter sich in Parodien gefalle, und er sollte doch lieber eine Palin obre nach Art der Horazischen schreiben. Was mir an Herrn R., dem jüdischen Sänger auffällt, und was ich durchaus tadeln muß, ist die widerliche Sucht, nach, der Symbolik des Christenthums zu Haschen. Glaubt der schmerzgedrückte Jude etwa nur darum vom Heiland und der Jungfrau Maria faseln zu müssen, weil ihm die Symbolik des Judenthums zu arm an poetischem Leben dünkt? Dann würde .ich Herrn R. rachen, sich nie wieder als jüdischer Dichter zu zeigen, wofern es ihm überhaupt rachlich sein kann, im Gedichtschreiben fortzufahren. Ein so schlechtverdecktes Wedeln um einige Aeußerlichkeiten kann nimmermehr den Anschein vermeiden, als wolle man sich nur aus eine feine Weise bei den Christen einschmuggeln,, und das fehlte noch in dieser Zeit! Ist es doch schon so weit gekommen, daß man es dem Juden zum Verdienste anrechnet, wenn er den Juden nicht verleugnet, wie dies neulich ein elender Versifep in einem der jämmerlichsten deutschen Winkelblätter vom Dr. Zirndorfer ausgesprochen. — Der Jude liebe den Christen als seinen Bruder, als Menschen, aber nicht als Christen; und damit will ich durchaus, nicht gesagt haben, daß er ihn als solchen hasse. — Zur Mittelmäßigkeit erheben sich nur wenige Gedichte in dieser ganzen Sammlung. Dahin gehören vielleicht: „Grabgesang" (S. 18), „Simsons Untergang" (S. 36), „Der Judenkirchhof" (S. 116), „Der ernste Sänger" (S. 118): „Ihr fragt, warum so düster Und schwarz des Sängers Wald? Warum nur Schmerzgeflüster Aus Grabcypresstn schallt? — Warum um seine Locken Ein blut'ger Reif sich schlingt, Gleich eisigen Btumenflocken (l) Sein Sang sich niederschwingt?" u. s. w. „Börne's Monument" (S. 121) nur theilweise. Schön und poetisch, wenn auch etwas überladen, ist das Sonnet „An eine Zürnende," von Max Ring, S. 164: „Du kannst nicht zürnen, Schönste du der Schönen, Du kannst nicht zürnen mir dem Zorn der Erden: Ein Seraph, mit des Himmels Lichtgeberden, Kann so nicht seine Gottnatur verhöhnen. Du kamst herab, um Tiger zu versöhnen, Und dich umspielen der Hyänen Heerden, — Willst du zur Lügnerin dir werden, Du zarte Lyra wilde Donner dröhnen? Nicht wird ein Nachtgespenst in Lichtregionen, Nicht Höllengluth in Himmelssphären wohnen: Du solltest lieblos sein? nicht faßt's mein Glaube. Im Fluthendrang nur tilgst du meine Sünden, Wie Gott wirs! du den Friedensbogen gründen, Mit frischem Oelblatt nah'st du, meine Taube." Eben so tief empfunden und zart ist das folgende: „Rettung" (S. 165). Unter den Liebesliedern des Herrn Fränkel möchte ich kaum das folgende hervorheben (S. 201): „Geliebte, der ich alles gab, Nimm hin mein letztes Wort. Es kommt von eines Herzens Grab, Wo's endlich doch verdorrt." u.s. w.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.