Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1840
- Issue
- 5 (1.2.1840)
- Article
- Gedichte von Moritz Fränkel und Max Ring [Rezension]
- Date
- 1840-02-01
- Page
- 67 (sequence 3)
- Language
- German
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69 Gedichte von M. Krankel und M. Ring, beurtheilt von Carl Maien. 70 gleich zu meinem eigentlichen Zwecke schreiten, wenn nicht der Umstand, daß beide als jüdische Dichter auftreten, mir noch' einige allgemeine Bemerkungen abzwange. Es sei mir hier vergönnt, einiges über eine heutzutage sehr herrschende Ansicht auszusprechen. Sie betrifft die sogenannte Separation der Juden in der Kunst und stellt sich am besten in einer Aeußerung heraus, die ich hiermit einem Privatschreiben entlehne, welches mir vor einigen Tagen von einem sehr ehrenwerthen Manne zugekommen. Es heißt darin: „Die Juden sollen keine eigne belletristische Organe gründen; in der Kunst dürfen die verschiedenen Kirchen ungehindert neben einander stehen. In der Wissenschaft ist es schon anders; da ist das Interesse weniger ein allgemeinmenschliches; es handelt sich um Wahrheit; in ihr herrschet Krieg, in der Kunst, im Reiche der Schönheit, Frieden!" — Es ist mir lieb, einem sehr geachteten Literaten hierdurch öffentlich ein Wort zur Widerlegung dieser Ansicht sagen zu können. Die Kunst, und namentlich die schöne Kunst, soll ja weiter nichts, als das Leben idealisiren, d. h. die vielfachen Beziehungen des Lebens in gelauterter Anschauung darstellen. Nun giebt es aber am Leben gar viele Seiten, und so mannigfaltig die Bedingungen des praktischen Lebens, eben so verschieden müssen sich auch die künstlerischen Produktionen zeigen. Unter den schönen Künsten ist freilich nur eine, in der sich die Verschiedenheit der Lebensverhaltnisse am bestimmtesten ausdrückt, die Dichtkunst; aber eben da darf es keinen Wunder nehmen, wenn viele tausend Menschen, die gemeinsames Wohl und Weh in einem engern Bezüge theilen, gleichsam unwillkürlich zusammentreten, und nur den Ton anstimmen, der aus ihrem Leben hervorquillt. Der Gedanke an Zusammenrottung ist zu engherzig, und riecht gewaltig nach der Furcht vor demagogischen Umtrieben. Was man aber von allgemeinmenschlichen Organen im Reiche der Schönheit spricht, möchte wohl nicht durchgreifend und nicht. praktisch genng sein, da alle diese Organe sich nur behelligt sehen, wenn sie die Anklänge eines besondern Nationalcharakters, der nun einmal ein solcher ist, in dem Maße, als es die Zeit erfordert, in sich aufnehmen sollen. In der Wissenschaft jedoch meine ich gerade das entgegengesetzte Verhaltniß zu finden. Die Speculationen des Geistes und die Forschungen der kalten Vernunft haben mit dem Conflikt socialer Zustände durchaus nichts gemein; und wenn von einem Kriege im Gebiete der Wahrheit die Rede ist, eben so ist dieser Krieg ein allgemein menschlicher; da wo es Ernst um die Sache ist, kann an eine Verschiedenheit der Kirchen nicht gedacht werden. Wenn ich mir denn endlich sagen soll, in wie fern das bisher Berührte auf die Gedichte der Herren Frankel und Ring seine Anwendung haben könnte, so gerathe ich wirklich m sine nicht geringe Verlegenheit. Es treten uns hier zwei Dichter entgegen mit dem besten Willen, etwas zu leisten; und ein.e solche laudanda voluntas wird oftmals zur Brustwehr gegen eine unpartheiische Beurtheilung. Allein was soll man nun anfangen, wenn uns ein Dichter nicht einen Augenblick Bedenken erregt, wie wir nach der bekannten Lessingschen Tonleiter gegen ihn verfahren müssen? Man wird mich verstehen, wenn ich meine, daß es den Herren Frankel und Ring an einem Haupterforderniß poetischer Begabung fehlt, an Geschmack. Ihre Gedichte sind nicht um ein Haar besser als die alltäglichsten Verseleien, und wohl reicher an erhabenen Lächerlichkeiten eben wegen der entsetzlichen Anstrengung, etwas Großartiges zu bringen. — Herr Frankel leiert uns gleich in der Einleitung von seiner Jugend vor: „Ein Knabe spielt' ich mit den Christenknaben, Den blondgelockten kleinen U n g e h e u 'r n"- Da müssen wir uns freilich bescheiden, und den christlichen Ausdruck: „Jud enjungen" noch sehr gelinde heißen. Die Christenknaben Ungeheuer! Kamen sie etwa dem Judenknaben, ich sage dem Knaben, so vor, nun warum bezeichnet er dies nicht deutlicher? Sonst könnte ich diese Ungeheuer aus keinem andern Grunde begreifen, als daß der darauf folgende Reim aus „Gern äu'rn" besteht. Auch wird der Ausdruck bald gemildert, da er eben diese Christenknaben, incl. seine eigene Person, ein „Volk von jungen Raben" nennt. Worin die Schönheit dieser poetischen Figur bestehe, kann ich eben so wenig entrathseln, als Str. 2. das Synonymen „schnellgeschaffenes Trojanerpferd" für ein gewöhnliches Steckenpferd. Der Dichter scheint aber dies Trojanerpferd mehr als seinen Pegasus zu lieben, denn am Schlüsse des Gedichtes kann er sich nicht enthalten, noch einmal von seines „störr'gen Lied's Trojanerpferd" zu singen. — Nach solchen und noch vielen andern Jnauguralalbernheiten führt uns Herr F. eine Reihe biblischer Gestalten vor, die aus der Bibel wohl die Namen und manche weitläufige Paraphrasen mitbringen, denen man aber weder an,dem fremdartigen und verkrüppelten Geiste noch an den bunten Fetzen und Lappen der Einkleidung ihre heilige, alterthümliche Abstammung ansehen kann. Nie hatte ich mir ein so abgeschmacktes Modernisiren, ein unlogisches Vergleichen und Ausmalen in so manierirten Pinselstrichm bei einem so erhabenen Gegenstände denken können! Man muß sich schon aller Verwunderung enthalten lernen, wenn z. B. S. 22 eine Mutter, die ihren Sohn und seine Geschenke erwartet, sich ausdrückt: „Bringt uns Gürtel, goldne Ranken Für der B r ü st e weiße Hügel" u. s. w. oder wenn S. 67. die zürnende, strafende Nemesis mildem „Löwen" verglichen wird, der „grimmig des Rehes Kehle erfaßt." — Wird es nicht auch jedes Ungeheuer von einem Ckristenknaben Herrn F. sagen können, daß 5*