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Der Orient · 1840-02-01 · 5 (1.2.1840) · p. 66

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Journal
Der Orient
Volume
1840
Issue
5 (1.2.1840)
Article
Gedichte von Moritz Fränkel und Max Ring [Rezension]
Date
1840-02-01
Page
66 (sequence 2)
Language
German
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08 ii! Gedichte von M. Frankel und M. Ring/ beurtheilt von Carl Maien. höhern Macht ringen, die wir Schicksal nennen; dieses Sehnen, Hoffen, Jagen, Erliegen und Ankämpfen durchgeistigt und veredelt unsere innere Natur, und mancher wird es erfahren haben, daß es auch im bittersten Schmerze erhebt und tröstet, wenn man sich seine eigenen Leiden als etwas zu Betrachtendes vor Augen stellt. Daher muß der Dichter vor allem rein menschlich fühlen, wenn er uns im Strome seiner Begeisterung fortreißen soll: dann sehen wir in jeder Welle dieser Lieblichen und schaurigen Bilder eine Regung unseres Herzens abgespiegelt, und wie wir überhaupt alles in uns selbst zurückfuhren müssen, wenn wir mit dem innern Sinne wie mit dem äußern wahcnehmen sollen, so bringen wir eben durch dies Zusammenstellen und Vergleichen auch jene veredelte Anschauung in uns, die durch das reine und gelauterte Gemüth des Dichters dahinwallt. Wahrheit aber ist die einzige Fessel des freien Sängers; Wahrheit an sich und an andern. Denn wenn er im letztem Falle auch auf den gesunkenen Menschen hinweist, wenn er nicht nur die Treue in ihrer kindlichsten Demuth, die Liebe in ihrer schönsten Hingebung, sondern auch den Stolz in seinem ekelhaftesten Dünkel, die Rache in ihrer empörendsten Wallung uns vor Augen führt; stets ist er unserer vollsten und lebhaftesten Theitnahme gewiß, sobald er uns nur den wirklichen Menschen gezeigt, und je wahrer und natürlicher die Wirklichkeit, je deutlicher und lebendiger wird uns die Nahe der Poesie. -— Man wird wich fragen, wo ich mit diesen allgemeinem Betrachtungen hinauswill, und ob ich sie an die Erzeugnisse der genannten Verfasser knüpfe, mit denen ich es hier zu thun habe. Allein ehe ich auf diese specieller zurückkomme, bekenne ich unumwunden, daß ähnliche Betrachtungen sich mir jedesmal aufdrängen, sobald ich eine neue Gedichtsammlung sehe. Die Art und Weise wie man solche bald als ein Bündel schöner Haare dem panegyrischen Friseur, bald als einen ästhetischen Knochen den journalistischen Bullenbeißern überläßt, mehr aber noch die Gründe, durch welche man gewöhnlich ihre Gewöhnlichkeit nachzuweisen sucht, wollte ich in diesen meinen flüchtigen Andeutungen nachdrücklich verwerfen. Es ist wahr, Niemand kann dafür, daß Herz sich gerade auf Schmerz reimt, und daß dieses neckische Spiel eines sprachlichen Zufalls jene endlose Fluch ungereimter Reimereien hervorgezaubert, die in so viele Journale gleichwie in Cloaken abfließen. Aber darf man an der Macht des Gesanges zweifeln, weil viele kreischende Kehlen zu singen vorgeben? ist der Name „Gott" schon entheiligt, weil ihn auch Unheilige im Munde führen? — Muß man wirklich jeden Dichter wie einen gewöhnlichen jungen Mann über die Achsel anfthm, weil auch gewöhnliche junge Leute Gedichte schreiben? und wenn ich noch einen andern Punkt berühren sott, darf die poetische Form als Zeichen der.Unreife gelten, weil die Unreife am öftesten nach der poetischen Form hascht? Es wundert mich, daß Theodor Mündt behaupten kann, mit der fortschreitenden Ausbildung eines Volkes müsse auch die ungebundene Rede die Oberhand gewinnen. Das ist eine falsche Anwendung jener unumstößlichen Wahrheit, die man aus dem Leben und der Geschichte der Völker gezogen, daß die Poesie im Allgemeinen die Jugend eines Volkes bezeichne. In der Jugend freilich greift jedes Volk zuerst nach der Poesie, weit die Jugend überhaupt poetischer ist, aber wer will Nachweisen, wann im ältesten und gebildetsten Volke die eigentliche Jugend aufhört? Ist es denn nur ein Geschlecht, das ein Mal jung gewesen, und jetzt altert? Die Geschlechter wechseln? und immer kehrt eine neue Jugend wieder, die eben so glüht und jubelt, eben so tobt und klagt. Aber man wird mir den Fortschritt des Zeitgeistes entgegenstellen und ich sehe schon die Brücke, die man von hier zu der vielbesprochenen materiellen Richtung schlagt. Mit diesem Einwand kommen alle Philister, und da fordere ich weine jungen Mitstrebenden auf, mir beizustehen. Wo ist einer, dem das Herz nicht heißer und voller schlagt, wenn er das berechnende Treiben des brodheischenden Philisterrhums ansieht? wo ist einer, den diese spießbürgerliche Prosa herabzerrt, und in wem erweckt sie nicht vielmehr die glühendsten Gegensätze, die der Poesie viel näher stehen als der Prosa! Wahrlich, an diesem Orte möchte ich es aussprechen, ich halte unsere Zeit für weit poetischer als die Tage der hochseligen Perrücken, wo man sich erst verlieben mußte, um zu dichten, wo man in gemächlicher Ruhe den Mond ansang, weil man gerade nichts besseres zu thun hatte, und keine Stürme von außen hereinbrachen. Jndeß fallt mir just hier das entgegengesetzte Extrem ein, das ich nicht minder mit allem mir inwohnenden Nachdruck rügen möchte, damit man nicht meine, daß ich etwa den literarischen Jacobinern beitrete, die jenen Materialismus der Zeit zu einem wilden Geheul über einen katzenjämmerlichen Weltschmerz benutzen. Es ist schön, wenn der Dichter die Interessen der Menschheit vertritt, es ist schön und erhebend, wenn er den Schmerz der Gesirmmtheit.so ganz in seine Seele aufnimmt, daß es sein eigener wird; aber es ist schrecklich und widerlich, wenn man die frische blutende Wunde der Menschheit mit rhetorischen Phrasen und prunkenden Tiraden üoerpflastert, es ist ein Anblick, der Grauen erregt, wenn mancher Dichterling sein brennendes Gehirn zerplatzen laßt, auf daß mit aller Gewalt eine Minerva hervorspringe. Jene Leutchen, die von den Hochwäldern ihres Herzens faseln, und schielende Bilder auf Bilder häufen, bringen wohl eine Schaar journalistischer Couriere und Nachtwächter in Alarm, aber die Menschheit kann dabei nichts gewinnen, und das wahrhaft fühlende Herz bleibt ungerührt. — Es ist wohl Zeit, daß ich an die Herren Frankel und Ring denke, und ich würde auch

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