Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1840)
- Article
- Türkei: Bericht des Morporgo ; die Bildungsstufe der dortigen Juden
- Date
- 1840-02-01
- Page
- 35 (sequence 3)
- Language
- German
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35 keilen eingenommenen Schedim von der Beunruhigung ihrer Kinder abzuhalten. Auch für Wöchnerinnen fürchtet^man die Angriffe solcher Dämonen, und mit Nadeln gefüllte Knäuel, so wie Knoblauch, der über der Thür zur Kammer der Wöchnerin hingelegt wird, gelten als mächtige Talismane, ihnen den Zutritt zu wehren. Am Tage vor der Beschneidung eines Knaben lassen die Eltern ihn sorgfältig bewachen, weil er sonst große Gefahr laufen würde, durch Aschmeda'i', dm König der Schedim/ erstickt zu werdend) Die Rabbinen üben einen großen Einfluß auf die Juden aus, denn die türkische Regierung hat ihnen das Recht des Bannstrahls zugestanden. Derjenige, der in den Bann gethan ist, ist außer dem Gesetze; er beeilt sich deshalb, durch die absolute Unterwerfung'Verzeihung zu erlangen. Die Rabbinen sind die Ausleger des Gesetzes; sie entscheiden ohne Appellation Ln allen bürgerlichen Fragen, die zwischen den Juden Vorkommen, und ihre Aussprüche basiren sich auf den Gesetzen Mosis und den Commentatoren. Wer dagegen bei einem muselmanischen Tribunal einkommen wollte, der würde mit dem Anathema belegt werden. Alle Städte, wo es eine jüdische Gemeinde giebt, haben eine Schule, in welcher den Kindern die Elemente des Hebräischerl und die Principien ihrer Religion gelehrt werden. Diejenigen, die sich der geistlichen Laufbahn widmen, setzen ihre Studien unter höheren Lehrern fort und lernen über den Talmud und die anderen Commentatoren discutiren. Nach einigen Probejahren gehen sie zum Examen über die hebräische Theologie über, und wenn sie sich darin bewähren, so bekommen sie den Titel Gelehrte. Alle Juden, die einigermaßen wohlhabend sind, zahlen, ein jeder nach seinem Vermögen, eine jährliche Contribution; wer sich dessen weigerte, der würde excommunicirt werden. Dies Geld wird zu den verschiedenen Kosten der Gemeinde, 4) Alt dieser hier erzählter Aberglaube findet sich bei den Juden in den Slavenländern ebenfalls noch vor, und er verschwindet nur bei dem Aufleuchten und Aufdämmern einer neuen Cultur. Zu keiner Zeit war aber dieser Aberglaube so im Abnehmen, als eben jetzt; es ist eine allgemeine Sehnsucht, erzählt Dr. Bib a s, sich der Bildung'der Deutschen Juden zu nähern. Freilich sind in Smyrna, in Saloniki, noch Bote Midraschim, wo man dem Studium des Talmuds obliegt, aber nicht mehr mit .dem mittelalterlichen, ausschlicßenden Charakter. Mit Begierde liest man im Bet Ha-Midrasch hebräische Bücher aus Deutschland, die nicht zu den orthodoxesten gehören, wenn sie nur in hebräischer Sprache geschrieben sind, und die Kunde von einer jüdisch-germanischen Bildung, von dem Aufschwünge jüdischer Wissenschaft in Deutschland, ist auch dorthin gelangt, wie eine vor einem Jahr stattgefundene Nabbinensammlung beweist, und die Sehnsucht nach Verständigung bleibt nicht aus. Es wäre zu wünschen, baß. jetzt, wo eine so ungehemmte Sicherheit in der Türkei herrscht, begabte jüdische Jünglinge dorthin reiseten, um Bildung und Aufklärung unter ihren dortigen Glaubensgenossen zu verbreiten! zum Unterhalt der Geistlichkeit, und zu den außerordentlichen Steuern verwendet, welche die türkischen Behörden verlangen. Die Steuerpflichtigen kommen jährlich einmal zusammen, und wählen sich durch Stimmenmehrheit einen Rath; dieser Rath aber wählt aus seiner Mitte drei Mitglieder, welche die .vollziehende Gewalt reprasentiren, und die von den Rabbinen zu Rath gezogen werden müssen, ehe sie einen Bannfluch ausfprechen. Der Rath wählt auch aus den Gelehrten den Oberrabbinen, drei Richter für die bürgerlichen Angelegenheiten und einen anderen Rabbinen zur Untersuchung und Entscheidung aller Fragen der practischen Religion. Alle diese Rabbinen werden auf Lebenszeit ernannt. Die drei Mitglieder, welche die executive Gewalt ausüben, die Polizei ihrer Gemeinde handhaben und ihre Glaubensgenossen bei der Behörde vertreten, müssen von dem Gouverneur genehmigt werden. Eine geistliche Hierarchie giebt es bei dm Juden nicht; jede Synagoge ist unabhängig; der Oberrabbine von Constantinopel steht nur in gleichem Range mit den andern Rabbinen. Die Ehe ist in den Augen der Juden ein geheiligtes Band; sie dürfen nur eine Frau nehmen; die türkischen Juden sind in diesem Stücke strenger als ihre Glaubensgenossen in Aegypten und in Syrien, die deren wohl zwei haben. Obgleich die Frauen dem Scheine nach hinsichtlich ihrer Männer auf gleichem Fuße stehen und nicht wie die Frauen der Muselmanen und Armenier in einem Zustande der Unterwürfigkeit leben, leidet die Familienheiligkeit doch manchen Eintrag, indem das Gesetz der Scheidung wenige Hindernisse in den Weg legt. Allerdings ist die Auflösung der Ehe nur dann möglich, wenn beide Gatten es zufrieden sind; aber wenn die Frau sich dmwider auflehnt, so wird sie von dem Manne so lange geplagt, bis sie vor Angst nachgiebt. Wenn eine Trennung stattsindet, so bleiben die Kinder dem Vater und es fallt der Frau nicht schwer, sich wieder zu verheirathm, indem die Scheidung bei den Juden nicht für schimpflich gilt, außer im Fall des Ehebruchs. Dem rabbinischm Gesetze zufolge kann ein Mann sich von seiner Frau losfagen, wenn sie ihm nach zehnjähriger Ehe keine Kinder geboren hat.' Die künftigen Gatten dürfen sich vor der Verlobung sehen; wenn der Contract aber erst unterzeichnet ist, so bleiben sie getrennt bis zum Hochzeitstage. Die Sitten der Juden sind ziemlich rem, denn ihre Religion gebietet ihnen, sich schon im achtzehnten Jahre zu verheirathen, und selbst die ärmeren wagen es nicht, sich an diesem Gesetze zu vergehen. Dieser Umstand macht es aber erklärlich, warum unter diesem Volke in der Türkei eine so große Armuth herrscht. Die Juden haben keine Industrie und mögen .nicht ackern nnd pflügen, weil sie das von ihnen bewohnte Land als ein fremdes ansthen; in der Hoffnung auf den Messias, der ihnen die Pforten Judäas öffnen soll, mö- 5*