Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1840-01-25 · Heft 4 (25.1.1840) · p. 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 4 (25.1.1840)
Article
Jerusalem: die synagogalen Gebräuche
Date
1840-01-25
Page
26 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2360092-2360093-2360098-2361540--0095-2361567
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

26 beiden Brautführer während des Gottesdienstes ihren Sitz nehmen. Wird der Bräutigam zur Tora angerufen, so begleiten ihn diese dahin, und nach der Beendigung des Torasegens liest der Chasan acht Verse der Genesis (K. 24, 1—8.), zwischen welchen immer die aramäische Uebertragung des Onkelos eingeschoben wird. Während dieses Gesanges tragt der Synagogendiener eine mit Rosenwasser gefüllte Flasche umher, und gießt davon in die Hand eines Jeden der Anwesenden, was aber in der größten Ordnung geschieht. Die ersten sieben Tage nach der Trauung (Schibat Je me ha- Mischte), wahrend welcher in der Wohnung der Jungvermahlten ein geschmackvoller Traubaldachin ausgestellt ist, unter welchem das junge Ehepaar sitzend die Beglückwünschungen der Freunde empfangt, werden mit Festlichkeiten hingebracht. In der Regel heirathen in Palästina die Jünglinge nach zurückgelegtem vierzehnten, die Mädchen aber nach dem zwölften Jahre. Nach uralter Sitte darf in Jerusalem keine Trauung statt finden, wenn die Braut nicht das zwölfte Jahr bereits erreicht hatdenn wenn die Braut jünger ist, so muß die Trauung außerhalb der Sradt, etwa in einem nahegelegenen Dorfe vollzogen werden. Leichenbegängnisse finden öfters bei Nacht statt, vorzüglich wenn der Hingeschiedene eine ansehnliche Person ist. Den Gebrauch der Sarge kennt man hier nicht; die Leiche wird unmittelbar in die Erde gelegt, über derselben wird eine Wölbung von Steinen gemacht, und auf dieser das Grab ausgefüllt. Von dem Gebrauche, das Wasser im Hause des Hingeschiedenen auszugießen, weiß man hier nichts. Auch werden viele Gräber im Voraus gefertigt, obschon die testamentarische Erklärung des Jehuda Chasid. sich dagegen ausspricht. Bei dem Leichenbegängnisse eines Gelehrten zeigen sich noch die Ktageweisen der Alten; klagende und die Hände zusammenschlagende Frauen stimmen auf den platten Dächern der Hauser, während der Leichenzug sich durch die Straße bewegt, einen herzzerreißenden, wechselnden Trauergesang an (s. Moed Katan 28^.). — Die sefardische Gemeinde hier vollzieht ohne Umgehung die Leviratsehe, sie halt streng das Gebot des Jibum, und niemals entledigt sich eines ihrer Mitglieder dieser gesetzlichen Verpflichtung durch den Brauch der Chaliza oder des Schuhausziehens. —• Bei einer Beschneidungsfeier (Berit Mila) nimmt der Vater das zu beschneidende Kind in seine Arme, folgende Verse sprechend: „Wenn ich dein, o Jerusalem vergäße, dann vergesse ich meine Rechte (Ps. 137r 5)5" „Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einiger Gott (Dt. 6, 5);" „Gott hat regieret, Gott ist König, Gott wird walten bis in Ewigkeit (Ex. 15, 18);" „Hilf o Gott, o Herr laß es gelingen (Ps. 118, 25)/' deren mystische Anwendung bei dieser Ceremonie ich nicht begreife. Nach diesem Prolog übergiebt der Vater [m Kind dem Gevatter (Sandek), wobei laut die bekannte Segensformel ausgesprochen wird, worauf der Beschneider oder Mol) et die bekannte Beracha und der Vater die Dankformel sagen. — In Palästina sind Tag und Nacht zu jeder Jahreszeit von gleicher Lange. Gegen halb sieben Uhr des Morgens ist Tageshelle, und zur selbigen Stunde abends sind die Sterne sichtbar. Wir kennen hier blos zwei Jahreszeiten, Sommer und Winter, d. h. Tage der Warme und Tage der Nässe (Jemot ha-Chamma, Jemot Ha-Geschamim). Iw Sommer, d. h. von Mitte April bis Mitte Oktober, oder von Pesach bis Sukot, fällt im eigentlichen Sinne des Wortes auch nicht ein Tropfen Regen, denn selbst daß es schon am Laubenfeste regnet, gehört zur größten Seltenheit. Erst mit dem Ende des Monats Tischri, oder zu Anfang Marcheschwan, fällt der erste Regen, und am siebenten des letztgedachtm Monats wird die Einschaltung zur Erbetung des Regens (Tat u-Matar) in den achtzehn Eutopien angewandt. Hat es aber bis zum siebenten Marcheschwan noch nicht ge» regnet, so wird wie zur Zeit der Talmude (Taanit 10 b.), ein Fasttag abgehalten und die vorgeschriebenen Gebete verrichtet. Das Ausbleiben des Regens ist hier um so drückender und empfindlicher, als bei gänzlichem Mangel an frischen Quellen wir lediglich mit Regenwasser unfern Durst stillen müssen, abgesehen von dem Einflüsse des Regens auf die Fruchtbarkeit des Bodens. In Jerusalem findet man weder Quelle noch Brunnen; ein einziger an der Stelle des ehemaligen Tempelthores angebrachter Röhrkasten liefert den ganzen Brunnenbedarf. In diesen Kasten sammelt sich das Wasser durch einen unterirdischen Kanal aus einer zwei und eine halbe Stunde von hier entfernten Quelle, welche an der Straße von Hebron, unweit des heiligen Grabes der Erzwutter Rachel, neben der Festung Borok liegt. Merkwürdig ist's, daß fast alle übrigen Städte Palästinas reichlich mit Quellen versehen sind, und nur Jerusalem ist so arm an Wasser. So z. B. besitzt das 18 Stunden von hier entfernte Sichern labende Quellen, prachtvolle Garten und Fruchtbäume, die unsere ganze Umgegend mit Paradiesäpfeln (Etrogim) versorgen. Die Ursache dieses Mangels an erquickenden Quellen in Jerusalem ist aus der traurigen Geschichte dieser Stadt klar und einleuchtend. Jerusalem wurde nach den zu verschiedenen Zeiten erlittenen großen Zerstörungen jedesmal aus ihren eigenen Ruinen und Schutthaufen wieder erbaut. Es ist daher um so weniger möglich ursprüngliche Quellen aufzusinden, als auch bei den tiefsten Nachgrabungen nicht, leicht der vielen Umschüttungen wegen die ehemalige Bodenflache ausgesucht werden kann. Für Bestätigung des Gesagten möge eine thatsachliche Merkwürdigkeit zeugen. Auf Befehl Mehemed Ali's wird gegen- . wattig auf dem ungefähr 90 Ellen im Quadrat umfassenden leeren Platze neben der Festung Kallee (ehemals Migdal David) ein"großes massives Gebäude

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.