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Der Orient · 1840-01-18 · Heft 3 (18.1.1840) · p. 23

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Journal
Der Orient
Volume
1 (1840)
Issue
Heft 3 (18.1.1840)
Article
Wilna: geistige und materielle Gemeindezustände
Date
1840-01-18
Page
23 (sequence 2)
Language
German
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23 niß. Freilich ist dieser schwache Beginn nur ein matter Abglanz der jüdisch-germanischen Kultur; denn Deutschland ist die Rüstkammer, woher wir unsere schwachen Waffen holen gegen Fanatismus und Aberglauben, aber auch diese dämmernde Nachahmung ist schon ein vielverheißender Gewinn. Ich will versuchen, den Lesern dieses Blattes ein Bild unserer geringen geistigen Thatigkeit, die unsere materiellen Zustande mit der Zeit verbessern soll, zu entwerfen. Um den Umsang des Talmudismus und Chasidaismus zu steuern sind seit einigen Zähren alte hebräischen Druckereien außerhalb Wilna und Kjew aufgehoben, und für diese zwei Plätze ist eine Censur eingeführt, von deren Strenge und Consequenzen man früher keine Ahnung hatte; denn Rußland ist ein ehrenwerther Staat und für unsere Fortschritte väterlich bedacht; bei uns strengen Monarchisten muß die. Kultur durch Ukaze geboten werden. Mag der gefeierte Bulgarin, wie es jüngst in seinen publicistischen Arbeiten geschehen, das ganze moderne Russenthum eine unreife Treibhauscultur nennen, für uns wie auch für das gehorsamsüchtige Slavenvolk sind Ukaze stets Anfänge aller Gestaltungen. M a i m u n i 's Werk I ad ha-Chasaka, der mendelssohn'sche Pentateuch und ähnliche Werke der jüdischen Literatur werden als unpassend für unsere Cultur angesehen und deren Abdruck von der Censur eonsequenterweise verweigert. Die Sensoren in Rußland verstehen in der Regel die jüdische Literatur, denn sie sind häufig Convertiren mit israelitischen Beisitzern, und daher für den Fortschritt der Juden eingenommen. Unlängst wurde hier ein Jore Dea, ein bekanntes Gesetzbuch, mit Weglassung der Gesetze über unerlaubten Wein (Hilch ot Jajiu Nesech) gedruckt, wie mau es mir erzählte, und es ist etwas Gewöhnliches, daß uralte Werke des Gesetzes so zugestutzt und überreformirt erscheinen, als waren sie von einer süddeutschen Rabbinenspnode decretirt worden. Ich als Fremder, der nur zufällig und nur eine kurze Zeit erst hier verweilt, kann mir kein Urtheil darüber anmaßen, und zwar um so weniger, als ich die gesetzlichen Bücher nicht verstehe; aber so viel weiß ich, .daß der Fromme unter meinen Brüdern im Stillen trauert über die Uebermacht der fubjettiven Meinung einer Censur; wie eine Mimose ziehet er sich vor den Sonnenstrahlen der geschminkten Aufklärung zusammen. Tiefbetrübend ist das Schicksal der ehemaligen Besitzer hebräischer Druckereien, ohne Schuld der väterlichen Regierung, ohne eigene Schuld sind sie mit ihren Familien endlich bis zum Bettelstäbe gekommen. Und wer hat in Deutschland nicht von der prächtigen Druckerei in Slawitta gehört; wer hat nicht bei irgend einer Gelegenheit ihre seit einem Jahrhunderte nicht dagewesene Prachtausgabe des Talmud gesehen, und welch ein trauriges Ende hat diese Druckerei genommen, und welch ein noch traurigeres der Besitzer! Der Eine, der Rabiner zu Slawitta, der reichste und gelehrteste der ganzen Umgebung, starb als Greis von 75 Zähren unter den Schlägen von 1500 Spießruchen, der andere, sein gelehrter Bruder und Theilnehmer der Druckerei, wird seine Tage nach einer ähnlichen ausgehaltenen Strafe in Sibirien beschließen; ihre Angehörigen ziehen bettelnd von Haus zu Haus. Von den Druckereien will ich zu dem erwachten literarischen Leben übergehen. Der Anführer des bestem und oft musterhaften hebräischen Prosastyls ist Mordechai Ginzburg, der durch eigene Werke und durch Anregung bei Schülern und Freunden zum Studium der hebräischen Prosa und zur Erweckung eines besseren Geistes viel bcigetragen hat und noch beiträgt. Seinem Wahlspruche : DVD1! TtflDD *D^y)D p'fiJJD DID" (reu hat er deutsche nützliche Werke geschmackvoll zu übersetzen begonnen. Im Jahre 1835 erschien von ihm der erste Band der viergetheilten Pölitz'schen Weltgeschichte, unter dem Titel Toldol Hon« Adam, und zwar in einem frei nachgebildetem Prosastpl, der auch die Orthodoxen zur Erlernung der Geschichte verlockt. Schon 1832 ließ Ginzburg ein Programm erscheinen, das eine freie nach Pölitz bearbeitete Einleitung in die allgemeine Geschichte enthält, wodurch seine Geschichte würdig eingeleitet wurde. Eine Krankheit hielt den Uebersetzer ab, dem ohnehin schon starken Bande auch die für jüdische Geschichte wichtigen Anmecknngen zu geben, die man nun mit dem zweiten Bande, der bereits längst ausgearbeitet ist, bald erwartet. Ein Jahr spater (1836) übersetzte Ginzburg das für jüdische Geschichte höchst interessante Werkchm Phllo's, „Gesandtschaft an Cajus Caligula" genannt, und obgleich nur nach der deutschen Uebersetzung Eckhard's (Leipzig, 1/83) fand es doch eine sehr gute Aufnahme. Vor seiner Geschichte erschien von ihm eine hebräische Musterbriefsammlung, unter dem Titel Kirjat Seser, die an Mannigfaltigkeit und einfacher Eleganz die Briessammlung Ketab Joscher von Schalom Koheu, so wie die Brieftncentune (Mafteach Bet-David) von David Sa mosch tsch in Breslau weit überragt. Bereits vor 16 Jahren (1823) gab Ginzburg eine hebräische Uebersetzung des Campe'schen Colombo, Cortes und Pizarxo hier heraus, welche Uebersetzung als Lesebuch für die Schuljugend sich in weite Kreise verbreitete. Nächst Ginzburg verdient ein anderer Schriftsteller, der noch aus orthodoxem Boden stehende Jehuda Bezalel Eliasberg, durch seine schriftstellerische Leistung über Heilkunde den nächsten Platz. Herr Eliasberg übersetzte die schöne Volksheilkunde von Friedrich Paulazki, welches die medicinische Akademie in Wilna seiner Brauchbarkeit und Vorzüglichkeit wegen erst übersetzen ließ, unter dem Titel Marpe le-Am, wovon freilich nur der erste Theil bis jetzt gedruckt wurde (Wilna, 1834. 4.). Die Uebersetzung, welche nach der polnischen Ausgabe der?tkademie,

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