Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1840)
- Article
- Wilna: geistige und materielle Gemeindezustände
- Date
- 1840-01-18
- Page
- 22 (sequence 1)
- Language
- German
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22 Rußland. TVilrrcr, 4. Jan. Der Leser dieser Blätter wird dem russischen Correspondenten gewiß dafür dankbar sein, wenn er hier in einzelnen Artikeln ein Bild des literarischen und religiösen Lebens der größten Gemeinde Littauens zu entwerfen unternimmt, vorzüglich schon deshalb, da die Kunde von dorther, am wenigsten aus der nächsten Gegenwart, selten nur zu uns gelangt. Der Minister der Volksaufktärung, der berühmte Uwaroff, war, indem er alle Provinzen Rußlands durchreiste, auch bei uns in Wilna; er suchte wahrend seines dortigen Verweilens die Anfänge einer jüdischen Realschule, nach dem Muster der zu Odessa zu organisiren, welche Anfänge auch allmählig zu wachsen anfangen, indem vor Kurzem die Statuten fertig und die Mittelherbeischaffungen durchsprochen wurden. Freilich wird diese Schule mehr eine Veranstaltung von der Behörde als von Innen heraus ins Leben gerufen, aber das ganze Nationalgefühl der Russen ist einmal ein echt monarchisches und eben so ihre Aufklärung, ihre Schulen und ihre Bildungsanstalten. Alles gehr vom Kaiser aller Reußen aus, kein Frühling des Geistes entsprießt aus dem Schooße der Nation. Das Volk der Raffen ist eine Tabula Nasa, eine riesenhafte Wachstafel, in welche erst der Griffel der Kaiser eine russische Nationalitäc einpragt. Der berühmte -Rabbi der Chasidim, der psychologisch merkwürdige Jisrolka, der leibliche Enkel des Scistecs Israel Baal-Schem, ist seit zwei Jahren von der Regierung eingezogen worden, nicht deshalb, weil sie den Chasidismus unterdrücken will, sondern weil der Rabbi seine Sympathie für Polen öffentlich gezeigt. Mit Jisrolka ist das berühmteste Oberhaupt der Chasidim verschwunden, denn in ihm hatte sich fast die Erblichkeit der Verführung consolidirt gehabt, da der Wahn des Pöbels ihn bereits „das dreifache Heiligt genannt. Die übrigen Chasidimhaupter sind nicht nur unter sich uneinig, sondern keines derselben übt einen solchen Einfluß , wie Jisrolka geübt. Der ganze Chasidismus droht zu zerfallen; in unserer Stadt beginnt er seit Kurzem sichtbarlich sich in einen Pietismus aufzulösen. Unsere Universität ist seit der Erstürmung Warschaus zu einer medicinischen Facultät herabgekommen, aber noch tiefer ist der Geist der Gelehrsamkeit und der Wissenschaft gesunken. Die Musen des Volkes folgten den Exulanten in die weite Ferne, und der Genius der Wissenschaften ging den Geächteten nach. Nur auf eigentlichen russischen Universitäten lebt ein mehr als unter allen Slaven wissenschaftlicher Geist. An unserer medicinischen Facultät studiren fast nur Polen, und nur ein geringes Häuflein Juden; die ersteren tragen einen stummen, glühenden Haß in ihren Herzen, die letzteren ertragen einen Haß, den weder sie noch ihre Väter verschuldet. Bei Stipendien und in den Kollegien, bei Prüfungen und Erthei-!ungen der Würden ist das Wort Jude oft ein Schibolet, welches die Humanität verscheucht; nicht ein Schibolet der Studirenden, die ja selbst jetzt Juden sind, sondern ein Schibolet der Lehrer, dessen Mißtöne nur durch Metallenklang überstimmt werden kann. Wenn ein jüdischer Kaufmann nach Moskau reisen will, so muß er zur ersten Gilde gehören, nämlich 750 Silberrubel bezahlen, wofür er nichts als die nackte Erlaubniß erhalt, ein einziges Mal auf drei Monate hintereinander Hinreisen zu dürfen. Ich weiß, daß diese allerhöchst gerechte Maaßregel von einigen Deutschen, die ihre Correspondmzen von der russischen Grenze her datiren, in Zeitungen widersprochen wurde, allein sie ist buchstäblich wahr, wie ich sie hier erzähle. Rußland ist ein chrenwerther Staat, und seine Gesetze wie auch dieses wird mit einer so musterhaften Pünktlichkeit überwacht, die nur der sentimentale Deutsche rigoristisch finden kann. Nach Entrichtung der gesetzlich vorgefchriebenen Summe darf der jüdische Kaufmann frei nach Moskau oder in andere dem Juden unzugängliche Provinzen drei Monate verweilen, aber auch nicht einen Tag länger, und wenn er auch für diesen Tag nochmals den Betrag erster Gilde geben will. In einem Jahre darf ein solcher Jude nur ein einziges Mal Hinreisen, in einem Jahre darf er nur drei Monate, und diese drei Monate kann er nur hintereinander dort zubringen. Von den Handwerken werden fast alle nur vorhandene von Juden ausgeübt, die schwersten und mühevollsten haben hier Hunderte ihrer Förderer, und der Vorwurf der Arbeitfcheue ist hier ein unbekannter Name; dennoch herrscht unter unfern Glaubensgenoffen ein so namenloses Elend, eine solche herzzerreißende Armuth, die nur in der analogen Geistesverfinsterung eine ebenbürtige Schwester findet.. Vielleicht ist die erste nur eine Folge der letzteren. Wer die schauerliche unheimliche Nacht des Geistes kennt, die mit ihrem schwarzen Flügeln dieses kleine Jerusalem in eine bewegungslose Ruhe der Unwissenheit einzaubert, wer jenen chafidäischen rasenden Wahn begriffen, wie er seit Rabbi Israel Baal-Schem gegen 300,000 unserer Brüder umfangen hält und durch einen geistigen Veitstanz sie jeder Kultur entrückt, der wird die weitaufklasfende Armuth mit ihrem thränenloseu Grauen ahnen. Doch ich will meiner Feder die melancholischen düstern. Nachtgedanken verschließen; wir Juden haben nur zu oft unserem Schmerze solche Schwermuthswocte geliehen, daß wir unsere Blicke für die Zukunft trübten. Bei aller eisigen Erstarrung der Masse blicken dennoch hie und da uns einige zerstreute Winterblumen an, die wir Vorboten eines Frühlings die unerquickliche Gegenwart mit der heitern Aussicht auf die Zukunft mildern» Viele unserer jungen Männer huldigen schon einem bessern Geiste, und je mehr die Schatten des Fanatismus und des Aberglaubens sich verlieren, um so mehr öffnet sich der fthnsüchtige Blick nach Intelligenz und Verstand-