Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1 (1840)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1840)
- Article
- Wilna: geistige und materielle Gemeindezustände
- Date
- 1840-01-18
- Page
- 24 (sequence 3)
- Language
- German
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- 24 - also mit allen vorgenommenen Änderungen, angefertigt ist, hat der Uebersetzec durch reichhaltige, große Anmerkungen, durch die geschickte und kunstfertige Uebertragung der medizinischen Termen, durch häufige Benutzung der Talmuden und der mittelalterlichen Schriften und durch eigene darauf bezügliche Studien, so bereichert und vergrößertdaß dieses Werk fast den Charakter einer Übersetzung verloren. Am Eingänge des Werkes hat der Uebersetzer eine acht Bogen starke mit kleinen rabbinischen Charakteren gedruckte Abhandlung, betitelt by IDüD nrmnn, aus fünf Kapiteln bestehend, abdrucken lassenworin der in der Lethargie des Chasidäismus hier noch schlummernde Geist durch nomodidaktifche Erörterungen aufgerüttelt wird. Ich komme nun zu einem jüdisch-littauischen Schriftstellerdessen Ansehen und Wirksamkeit sich jetzt bereits über die Grenzen unseres Gebietes hinaus erstrecken, und von dessen Tüchtigkeit bei seiner Jugend wir noch viel Erfreuliches erwarten dürfen. Ein junger Mann, Chajim Selig Slominski, trat vor einigen Jahren, ausgerüstet mit mathematischen und astronomischen Kenntnissen, mit einem Werke Mosde ha-Chochma auf, worin der hiesigen Jugend ein Lehrbuch für sammtliche physikalische Wissenschaften geboten wird. Freilich ist der Inhalt größtentheils aus modernen Lehrbüchern übertragen, aber wir betrachten es hier schon für einen Gewinn, wenn ein wissenschaftliches Buch auch viele Bezüge auf altere jüdische Literatur und Institutionen erscheint, so daß der hiesige von den Remmiscenzen der Vergangenheit zehrende Israelit es mit Liebe liest. Im Jahre 1835 veröffentlichte Herr Slominski seine treffliche Schrift Kuchba de Schebith, die, in sechs Abschnitten zerfallend, sich über verschiedene Gegenstände der Astronomie verbreitet. Schon eine kurze Inhaltsangabe kann den Beweis von dem positiven Streben dieses Mannes geben; er gehört nicht zu denjenigen unserer Zerrbilder, welche die Armuth an positiven Kenntnissen schon ihrem Gesichte aufdrücken und wie wesenlose Abstrakta umherschleichen. Bei Erwähnung dieses Buches kann ich die Bemerkung nicht unterdrückendaß Herr Slominski der erste war, der auf die merkwürdige Stelle des Sohar aufmerksam machte, die über Gestalt und Bewegung der Erde handelt, welche Stelle später viele Zeitungen mittheilten. Am meisten verdient aber die neueste Schrift Slominski's rühmliche Erwähnung. Unter dem Titel T o l d o t h a - S ch a m a j i m gab er zu Warschau 1838 ein hebräisches Werk über astronomische Wissenschaften heraus, das voll der scharfsinnigsten Forschungen ist. Der Direktor der Sternwarte zu Warschau, Herr Professor Armin skr, und sein College der Astronom Daran owski, haben gemeinschaftlich eine Belobung dieses Werkes in polnischer Sprache verdrucken lassen. Der Styl des ganzen Werkchens ist so durchsichtig, zugespitzt und klar, daß er an die klassische Schreibung der spanischen Schule erinnert. Ein Sendschreiben Rapaport's an den Verfasser, über die Sternnamen der Bibel und der Talmuden und Aufhellungen über die Geschichte des Bar-Kochba, das vorn beigedruckt ist, macht dieses Büchlein auch in anderer Beziehung schätzbar. — Ueber Herrn Tugendhold und Herrn Kaplan werde ich für diese Blatter nächstens berichten, nur kann ich in Bezug auf Herrn Tugendhold die Bemerkung nicht unterdrücken, daß je unbedeutender seine literarische Thatigkeit ist, um so wichtiger seine praktische Wirksamkeit ist. Er ist der Einzige in Wilna, dem die Behörden ihr Vertrauen schenken, und er verdient auch dieses Vertrauen, da er alle seine Kräfte'aufbietet, um seine Glaubensgenossen der Bildung und der Humanität näher zu führen und sie so für den Staat brauchbar zu machen. Bei der nächsten Gelegenheit werde ich ein vollständiges Tableau der noch hier schreibenden Juden einsenden, unter welchen manches beneidenswerthe Talent sich befindet. Einen charakteristischen Zug in unserm ganzen literarischen Leben kann ich nicht unberührt lassen, und dieser Zug ist: die Ae r ml ich ke i t u n d D ü r ft i g k e i ( des Auftretens der jüdischen Literatur, die in dem Gemüthe des Beschauers unerquickliche Bilder weckt. Jede Seite eines Buches scheint uns hungrig anzubetteln, jeder Buchstabe scheint uns ein Lazaroni, der die schmutzige Hand nach Almosen ausstreckt. Wenn wir an die edlen, königlichen Gestalten unserer Ahnen .in Spanien und im Oriente denken, wenn wir des königlichen Maimuni uns etin* nern, wie er die Gemächer Saladin's durchschreitet und in dem Uebermuthe eines Reichen sich nicht darum kümmert, ob er tausend Schwachköpfe verwundet und verletzt, wenn wir an Abarbanel denken, der, ein Grand Spaniens, in den Gemächern Ferdinands die Scholastik der Exegese entwirft, wenn wir an tausend solcher Figuren unserer Ahnen uns erinnern, dann überfallt uns ein namenloser Trübsinn, ob der Armuth unserer Zeit. Wenn die Geschichte schwiege, so würden uns die unsterblichen Werke unserer Vorfahren von der geistigfreien, nobeln, thatenreichm Zeit erzählen; umgekehrt würde eS mit unserer Zeit sein. Freilich beruft sich unsere Ohnmacht auf die Macht der Verhältnisse; aber der Weg, den unsere Vater gegangen, ist nicht so steil und ungangbar, wie der Leichtsinn glaubt. Ernst und kräftiger Wille können uns die Würde des Lebens im Judenthume lehren. Man kann sich dem Judenthume weihen, man kann sein Dragoman, sein Priester sein, ohne daß man ein Opfer der Verhältnisse zu werden braucht. Verlag von C. L. Fritz sch e. Druck von I. H. Zkagel.