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Im deutschen Reich · 1922-03-01 · Heft 3-4 (März 1922) · p. Seite 72

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
28 (1922)
Issue
Heft 3-4 (März 1922)
Article
Antisemitismus, Jugend und Erzieher!
Date
1922-03-01
Page
Seite 72 (sequence 6)
Language
German
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72 Im deutschen Reich Menscheulieöo, wenn in den Naumeu 7>er Universität sich wüste Judenhetzereien abspielten oder Flugblätter des deutschvölkischeu Schutz- und Trutzbundes verteilt wurden? Die Ehre wehrloser' Frauen zu beschimpfen, ist wahrhaftig kein Zeichen deutscher Kultur, könnte vielmehr eher für das Bevorstehen ihres Unterganges zeugen. Der Rektor schrieb: ,Fbenn auch jeder einzelne hier seinen religiösen und politischen Ueüerzeugungen leben darf, und wir ihm nichts darein zu reden haben» so lege ich doch als Vertreter der akademischen Behörden den größten Wert darauf, daß die Studentenschaft nicht durch soziale, religiöse oder politische Strömungen zerrissen werde. Nur so kann sie imstande sein, nach außen hin eine Einheitsfront zu bilden. Wir sind hier allerdings keine Töchterschule, deren Direktor auf guten Ton halten kann. Und für unsere Dozenten liegen 'die berührten Fragen meist außerhalb ihres Lehrgebietes und ihrer Lehrtätigkeit. Daher muß ich die Ansicht, als handelten wir pflichtvergessen, wenn wir es versäumten, gewisse Strömungen zu beleuchten und zu bekämpfen — falls diese Aeußerung wirklich so gefallen sein sollte — mit Entschiedenheit zurückweisen. Ich kann nur die dringende und herzliche Bitte aussprechen, den Burgfrieden zu wahren." Auch hier viel schöne Worte, aus denen der andere vor allem das Nein heraushört. Man denke sich in der monarchischen Zeit eine Studentenverbindung, die gegen 'den Adel oder den Offiziersstand oder das Korpswesen Resolutionen von der Qualität der Eisenacher gefaßt hatte. Ob da auch ein Rektor sich keinen anderen Rat gewußt hätte, als „dringend und herzlich um Wahrung des Burgfriedens zu bitten"? Ach nein, sondern die Verbindung wäre prompt der Auflösung, ihre Häupter der Relegation oder dem Karzer verfallen. Gegen die „jüdische Schieberrepub-ik" darf jeder Student ungestraft agitieren. Wer weiß aber, was sich selbst heut ereignen würde, wenn einer sich einfallen ließe, die monarchische Staatssorm mit ähnlichen Ausdrücken zu bedenken. Es ist denn doch ein gewaltiger Unterschied, ob man auf den guten Ton einer höheren Töchterschule achtet oder den Sauherdenton duldet, der sich heut in gewissen Universitätskreisen als Zeichen wahren Deutschtums breitmacht. Einst kannte man den Begriff „mos academicus". Der Krieg scheint auch damit aufgeräumt zu haben. Aber auch hier können Strafen, selbst wenn sie angewendet würden, nicht das Allheilmittel bedeuten. Auch hier ist erziehliche Einwirkung zu fordern. Sie liegt den Lehrern aller Grade ob, auch den Hochschullehrern. Nicht in dem finite, als ob jeder gehalten fein sollte, gegen die antisemitische Gesinnung der Studenten Front zu machen. Damit mag man sich abfinden. Was aber verlangt werden muß, ist, daß in jeder Fakultät sich Mitglieder finden, die den schmachvollen Aeußerungen dieser Gesinnung mit der Waffe des Humanitatsgedankens entgegentreten, ohne den die deutschen Universitäten ihre Daseinsberechtigung verloren hätten. Für ihn einzutreten, bedarf es keines besonderen Lehrauftrages. Jedes Lehrgebiet muß ihn enthalten, jeder Lehrer von ihm getragen fein. Als Fichte seine Reden an die deutsche Nation hielt, dachte niemand daran, ihn der politischen Beeinflussung zu zeihen oder zu untersuchen, ob dieses Thema in sein Lehrgebiet falle. Das deutsche Volk war viereinhalb Jahre lang von Feinden umgeben. Um sich ihrer zu erwehren, mußte es all sein Sinnen und Trachten dem Vernichtungsgedanken weihen. Kein Wunder, daß der Gedanke der hohen, wahren Menschenliebe dabei in Vergessenheit geriet. Ihn von neuem zu erwecken, muß das Ziel aller sein. Nur dann können wir besseren Zeiten entgegengehen. Seine Pflanzstätte sind aber

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