Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 28 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1922)
- Article
- Antisemitismus, Jugend und Erzieher!
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 70 (sequence 4)
- Language
- German
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70 Im deutschen Reich Durchgreifend helfen gegen das Rebe! kann nur der Lauf der Zeit. Damit aber wenigstens Roheiten verhindert und gesetzliche Zustände aufrechterhalten werden, müssen die Lehrer an der Hand des so reichen humanistischen Lehrstoffes gelegentlich ungesucht und unaufdringlich in den Herzen der Schüler die Heiligkeit des Kulturöandes zum lebendigen Bewußtsein bringen, das auf der Grundlage des Vaterlandes die ganze Menschheit umschließt. Unaufdringlich! Aus diesem Grunde kann ich Ihrem Vorschlags nicht beistimmen, die Schüler der oberen Klassen durch besondere Vorträge über die Verwerflichkeit des Antisemitismus zu belehren. In keiner Beziehung weist die junge Seele Zwang, Nötigung oder auch nur merkbare Beeinflussung unwillkürlich zurück, wie in ihrem Gemütsleben. Bei der völkischen Empfindungstemperatur, die heutzutage nun einmal herrscht, würden solche Vorträge. feinen Resonanzboden finden, vielmehr das Gegenteil ihres Zweckes erreichen und eher passiven Widerstand als willige Fügsamkeit auslösen. Vor allen Dingen aber würden solche Vorträge von Amts wegen ParLeipolitik in die Schule hineintragen. Sie würden, da Anti- und PhilosemiLismus allgemein als Kennzeichen dieser oder jener Partei gelten, als Propaganda für und wider erscheinen." Die aus diesen Worten zweifellos sprechende anständige Gesinnung des Herrn Professors Ln allen Ehren. Aber wenn 'er „Zeitablauf und Unaufdringlichkeit" bei allen Erziehungsfragen — man denke nur an hie so schnell überwundene Bewegung der Schülerräte — für Allheilmittel halt, dann könnte einem ob der Resultate seiner Methode bange werden. Indessen seine Ansichten sind typisch. An der Massivität, zu der die völkischen Verbände ihre Mitglieder erziehen, müssen die „ungesuchten und unaufdringlichen" Winke mit dem Zaunpfahls kläglich scheitern. Besonders zu beklagen aber ist der Irrtum, als könne die Bekämpfung jener verwerflichen Gesinnung, die sich in den oben geschilderten Roheiten äußert, als politische Beeinflussung erscheinen. Es handelt sich um Fragen der Anständigkeit und Moral, also um ein eminentes Erziehungsproblem, nicht um Parteipolitik. Wenn der deuLschvölkische Schutz- und Trutzöund „in dem zersetzenden Einfluß des Judentums die Hauptschuld am Untergang Deutschlands" sieht oder das Programm der Deutschnationalen „den vorherrschenden Einfluß des Judentums bekämpft" darf ein Erzieher zur Humanitär aus Rücksicht hierauf es unterlassen, seinen elementarsten Pflichten zu genügen? Obwohl eine andere politische Partei das Eigentum negiert, wird seine Heilighaltung nach wie vor gepredigt. Niemand denkt dabei an politische Beeinflussung. Seit wann ist es deutsche Art, Verstecken zu spielen und nicht offen und ehrlich die Wahrheit zu sagen, obwohl man sie kennt, oder sie so verklausuliert von sich zu geben, daß man darauf rechnen muß, nicht verstanden zu werden? Das Gemütsleöen des Schülers soll durch die Schule beeinflußt und in gesunde Bahnen gelenkt werden. Als es noch hieß, die Schüler zur Treue und Anhänglichkeit an Thron und Altar zu erziehen, galten solche Bedenken nicht. Pflicht der Zentralbehörden ist es, diesen pädagogischen Sorderungen bei der Lehrerschaft schleunigst Gehör zu schaffen und ihre nnehaltung zu überwachen. Dazu dürfte freilich vor allem eine Reorganisation unserer ProvinZialschulkollegien gehören, 'deren Mitglieder fast sämtlich die Bahnen der Reaktion wandeln und den Antisemitismus als Bundesgenossen willkommen heißen. Die städtischen Schulbehörden Haben in dieser Beziehung schon manches erreicht. Aber gerade die höheren Schulen unterstehen nicht ihrer Aufsicht. Hier kann nur der Nnterrichtsminister Wandel schaffen.