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Im deutschen Reich · 1922-03-01 · Heft 3-4 (März 1922) · p. Seite 69

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
28 (1922)
Issue
Heft 3-4 (März 1922)
Article
Antisemitismus, Jugend und Erzieher!
Date
1922-03-01
Page
Seite 69 (sequence 3)
Language
German
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Antisemitismus, Jugend und Erzieher 69 giert wird und Anhänger auch unter solchen Eltern findet, die selbst mit christlichen Kameraden friedlich auf einer Schulbank gesessen haben, aber nunmehr nicht wollen, daß die Jugend ihrer Kinder durch Unfrieden und Haß vergiftet wird. Wie stellt sich Zu alledem die Lehrerschaft? Sie wird ihrer erziehlichen Aufgabe durchaus nicht überall gerecht. Es sei hier ganz abgesehen von solchen für ihren Berns völlig untauglichen Oberlehrern, die es sertigbringen, sogar während des Schulunterrichts ihren Schülern deutschvölkische Weisheiten auszutischen, die Geschichts- und Religionsstunde mißbrauchen, um vom Judentum ein entstelltes Bild Zu geben und es als minderwertig gegenüber den andern Religionen undOcationeu hinzustellen. Solche Unheilstifter sind vorhanden, aber glücklicherweise nur in geringer Zahl. Das Gros der Lehrerschaft, auch soweit es nicht antisemitisch - angekränkelt ist, nimmt jedoch nur allzuoft eine wohlwollende Neutralität ein, welche die christlichen Schüler indirekt zu ihren Quälereien der jüdischen Kameraden ermutigt. Sie wissen von allen diesen Umtrieben, aber sie Horen und sehen nichts. Das sonst für jede Ungebührlichkeit geschärfte Auge bedeckt sich hier mit einem Schleier. Man wartet, bis die Quälerei zu arg wird und eine Anzeige erfolgt. Dann schreitet man zwar ein, aber häufig steht die Strafe .in keinem Verhältnis zu dem Vergehen, vor allem aber wird gar nicht besonders eindringlich vor Wiederholungen gewarnt, obwohl mau ihrer sicher sein kann, und häufig genug muß auch noch der jüdische Schüler, der sich seiner Haut mannhaft gewehrt oder Vergeltung geübt hat, gleichfalls eine Rüge einfiecien. . Was muß geschehen? Allzu tief ist das Gift schon eingedrungen, aber jedes Jahr stillt jede Klasse neu. Die Gelegenheit zur tatkräftigen Abhilfe' ist immer wieder vorhanden, w e n n n u r der gute Wille hierzu da ist. Es genügt nicht, einzelne F'ille zu strafen. Die ach so korrekte Formel: „Ich werde gegen jeden mir gemeldeten Fall uunachsichtlich einschreiten", faßt das Üebel nicht bei der Wurzel. Muß mau es einem Lehrer wirklich erst sagen, daß er nicht bloß lehren, sondern! auch erziehen soll? Auch die Strafe kann gewiß erzieherisch wirken, aber sie soll erst das letzte Mittel sein. Das Vornehmste ist und bleibt Belehrung und Appell an die in jedem Menschen schlummernden güten Instinkte. Offen und ernsthaft muß die .Klasse, nötigenfalls auch — nur in ganz vereinzelten Fällen 'ist es geschehen — die gesamte Schule zusammengerüsen und eindringlich belehrt werden, wie niedrig und gemein, es ist, Menschen nur ihres Glaubens und ihrer Abstammung wegen zu hassen, sie als minderwertig hiuzustelleu, ihre Entrechtung zu fordern. An der Hand der vergleichenden Religionsgeschichte sollte gezeigt werden, wie das Judentum zuerst den Monotheismus, aus ihm den Propyetismus entwickelt und damit die Begründung des Christentums erst ermöglicht hat. Der Geschichtsunterricht lehre anstatt der öden Zahlen und Schlachten die Entwicklung der deutschen Kultur und dabei den Anteil der Juden an ihrer Entwicklung, die Bereicherung, die deutsche Kunst und deutsche Wissenschaft aus allen Gebieten durch sie erfahren haben bis zum heutigen Tage. Man predige die Anwendung des jüdisch e n Gebotes der Nächstenliebe, das noch immer ein großer Teil auch der akademisch gebildeten Lehrer für eine Erfindung des Christentums hält, auf alle Wesen ohne Unterschied der Nation und Rasse, denn so ist es gemeint: dann wird der Antisemitismus gar bald aus der Schule schwinden. . Wie aber verhält sich diesen so selbstverständlichen Forderungen gegenüber so häufig die Lehrerschaft? Als Antwort dienen einige Sätze eines nach seiner durchaus glaubhaften Versicherung von Antisemitismus freien, ergrauten Professors:

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