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Im deutschen Reich · 1922-03-01 · Heft 3-4 (März 1922) · p. Seite 59

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
28 (1922)
Issue
Heft 3-4 (März 1922)
Article
Hochschulantisemitismus
Date
1922-03-01
Page
Seite 59 (sequence 7)
Language
German
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59 HochschulauLisern ili§ m us Auflösung des Heeres beschäftigungs- und brotlos wurden, hat akademische Studien erwählt. Viele andere stammen aus Beamtenhäusern, die naturgemäß unter der herrschenden, drückenden Teuerung am meisten leiden, und für alle würde eine im Staate streng durchgeführte demokratische Gerechtigkeit den Verlust vott Privilegien bedeuten, die früher manchen Schichten das Leben so sehr erleichtert haben. Wenn es nicht mehr auf Adel, Konnexionen, Korpsangehörigkeit und Familientradition, sondern auf eigene Tüchtigkeit, Gewissenhaftigkeit und Begabung ankowmt, dann gerät allerdings mancher ins Hintertreffen. Nicht als ob dieses Ideal etwa schon verwirklicht wäre, aber schon seine Möglichkeit schafft allgemeines Mißbehagen. Diese in den Kreisen unserer Heranwachsenden Akademiker weitverbreitete Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen und den Aussichten für die Zukunft hat sich mit wahrer Wollust der Legende angenommen, daß die Juden wieder einmal schuld an allem Unheil seien. Aus diesen Entstehungsursachen ergibt sich vielerlei. Sollte jemals die Reaktion wieder an die Regierung gelangen, so würde sie sich am meisten auf die Studenten stützen und von diesen zum Dank zu Ausnahmegesetzen wenigstens gegen jüdische Hochschüler gedrängt werden. Andererseits gibt es aber gro§e Schichten auch' unter den Akademikern, denen der Judenhaß weniger eine Herzensüöerzeugung, als ein Teil ihres politischen Bekenntnisses bedeutet, die also unter veränderten politischen Bedingungen, bei größerer Stetigkeit der Verhältnisse und einer Beruhigung der aufgewühlten Leidenschaften, auch vernünftigeren Erwägungen zugänglich sein werden. Und an sie muß man sich wenden. Daß man jemals die eingeschworenen Führer wird belehren können, darf als ausgeschlossen gelten. Auch bei jenen wird es vergeblich sein, die ehrlich überzeugt sind und nicht, wie etwa der berüchtigte deutschvölkische Studentenführer B r a ß l e r , lediglich die gerissene politische Geschäftspolitik vertreten, die sie den Juden vorwerfen. Man mag über den Wert der Aufklärung noch so gering denken, wie es ja in manchen Kreisen unserer Gemeinschaft geschieht, eines darf man nicht übersehen, daß die antisemitische Bewegung einen großen Teil ihrer Er folge der Bearbeitung der Unentschiedenen, n o di S ch w ankend e n, durch eine Flut von geschickten, wenn auch meist gefälschten oder erlogenen Veröffentlichungen verdankt! Man darf von der Masse der deutschen Akademiker nicht so niedrig denken, wie man es auf Grund der vorliegenden! Tatsachen zuweilen zu tun geneigt ist. Gewiß sind sie verhetzt und sprechen gedankenlos nach, was ihnen tagtäglich durch geschickte Agitatoren eingeöleut wird. Aber sie "sind der Belehrung zugänglich, und wenn es gelänge, sie ebenso mit Abwehrschriften zu versorgen, wie der Antisemitismus mit seinen Erzeugnissen es tut, wäre unendlich viel gewonnen. Hier muß Wandel geschaffen werden, hier muß die Gesamtheit eintreten. Die jüdischen Verbindungen wollen dem Antisemitismus individuell und persönlich in den Formen und MrMlzrr seiner Bekämpfung.

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