Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 28 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1922)
- Article
- Hochschulantisemitismus
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 58 (sequence 6)
- Language
- German
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Im deutschen Reich ÖS recht die Bedeutung solcher Schmach zu bewerten, weiß vor allem nicht, welche Zustände sie anbahnt. Die künftigen Richter, Beamten und Lehrer des deutschen Volkes diskutieren mit vollem Ernste darüber, ob der Jude — wohlgemerkt: der deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens — zur deutschen dentenschaft gehöre oder nicht!!! lind wenn sie ihn schließlich gnädig zugelassen haben, so geschah es mit lebhaftem, fast allseitig geäußertem Bedauern nur aus dem Grunde, weil man einsah, daß die gegenwärtigen Regierungen in deutschen Landen, die allesamt einen demokratischen Einschlag besitzen, auf antisemitischer Basis gegründeten Studentenschaften die Anerkennung versagen würden. Beruhigt hat man sich aber noch lange nicht. Das Ideal der D e u t s ch ö st e r r ei ch e r und der' S ud e t e n l än d i s ch e n Studenten, die jeden Juden glatt ausschließen, welcher SLaaLsangehSrigkeit und Kultur er auch immer sei, lockt und lockt. Die Kämpfe gehen weiter, und es ist kein Zweifel, daß die reichsdeutsche Studentenschaft ohne Schwanken und Zögern genau so verfahren würde, wenn nur eine deutschnational gerichtete Regierung die Staatsgewalt übernähme. Die wirklichen Ziele liegen aber noch viel weiter. Man schaut verzückt auf Ungarn-, wo gesetzlich der numerus clausus eingeführt ist und Juden nur in ganz beschränkter Anzahl auf den Hochschulen immatrikuliert werden. Nach solchen Zuständen aber sehnt sich heute der größte Teil der deutschen Studenten. Die Lektüre akademischer Zeitschriften ist sehr interessant. Die Tonstärke wechselt, aber es ist derselbe Ton, der hier forlissimo, dort nur piano erklingt. Immer wieder wird nur das eine Thema variiert: die Juden sind fremd, sie haben darum keine Rechte, sie müssen unter Fremdenrecht gestellt werden und sind von jedem Einfluß auf Regierung, Literatur und Presse sorgfältig fernzuhalten. Gewiß sind auch dem großen politischen Leben solche Klänge nicht ftemd. Was aber dort verstiegene Forderung einiger kleiner deutschvölkischer Kreise ist, bedeutet im akademischen Leben die selbstverständliche Grundlage jeder Diskussion über die künftige Gestaltung des deutschen Vaterlandes. Auf den Hochschulen hat sich eine unumschränkt regierende, antisemitisch-reaktionäre Macht der Führung bemächtigt, und von ihren Idealen begeistert gehen die künftigen Führer des deutschen Volkes ins bürgerliche Leben. Es ist höchste Zeit, daß sich nicht nur die gesamte deutsche Judenheit, sondern überhaupt die freiheitlich und demokratisch gerichteten politischen Parteien um die ganz unglaublichen Zustände des akademischen Lebens kümmern. Urschen der Sobald man an die Bekämpfung des Hochschulantisemitismu^ 6-hk, wird man die Ursache seiner besonderen Heftigkeit cicu-miid>en nicht üb ersehen dürfen. Er ist ein Teil jener unzufriedenen Stimmung, in die durch den Umsturz große Teile unseres Volkes versetzt worden sind. Unsere Studenten stammen aus jenen Kreisen, die durch die Revolution am meisten verloren haben. Die große Mehrzahl der jungen Offiziere, die bei der