Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1921)
- Article
- An die Unschuldigen
- Date
- 1921-10-01
- Page
- 306 (sequence 2)
- Language
- German
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306 deutschen Aeich fammen aus religiöser und aus nationaler Abneigung, und wie der Gegensatz der Nationalitäten, wie der Gegensatz der Völker gegeneinander und wie der Neligionshaß zwischen Mohammedanern und Christen, zwischen: Katholiken und Protestanten Jahrhunderte und Jahrhunderte bereits dauert, und wie beide immer wieder aufflackern, so wird auch nur der Scharlatan versprechen können, daß es eine Patentmedizin gäbe, die den Antisemitismus bis zum Monatsende zum Dahinsiechen bringt. Aus zwei Duellen wird der Antisemitismus gespeist. Aus uralten Vorurteilen von ganz verwandter Art wie jene gehässigen vorurteile, die seit Jahrhunderten und noch heute bei uns zwischen Katholiken und Protestanten vorhanden sind. Zu diesen Vorurteilen kommt in der modernen Zeit des Aufschwunges der Naturwissen, schäften ein anderes Vorurteil. Die religiösen Antipathien sind in den Hintergrund geschoben worden, ulld in einem Kostüm nach der letztes! wissenschaftlichen Mode liebt man es in Kreisen, die zu fortgeschritten sich dünken, um von kirchlichen Gegensätzen zu sprechen, von unvereinbaren völkischen Gegensätzen zu reden. Germanen und Semiten bilden angeblich solche Gegenpole. Dabei bleibt es erklärlicherweise eine offene Frage, wieviel reine Germanen es in Deutschland noch gibt, denn bis in historische Zeiten hinein hatten Slawen die Gebiete bis östlich der Elbe besetzt; es überfluteten die Hunnen Deutschland, und welche Blutmischungen im Laufe der Jahrtausende mit den Juden bei der Eroberung Palästinas durch die Aeaypter, durch die Babylonier, bei der Exilierung der großen Masse der Juden in das Euphrat- und Tigrisgebiet, bei der Zerstreuung der Juden seit dem römischen Meltrcich über ganz Europa sich vollzogen haben, das kann keine Phantasie, und sei sie noch so kühn, sich ausmalen. Nur den Antisemiten ist es Vorbehalten, mit Zuversicht zu behaupten, daß die Juden Europas rcinbliitiac Semiten, und daß die Germanen Deutschlands reinblütige Germanen seien, eine Behauptung, so absurd, wie wenn man sagen wollte, die Fauna Deutschlands sei heute noch genau dieselbe, wie zur Zeit, da es Auerochsen und Bären und Mölfe in Deutschland rudelweise gegeben hat. Der Antisemitismus, der sich auf diese Grundlage stützt, wendet irreführend wissenschaftliche Methoden an, um zu gänzlich unwissenschaftlichen, rein demagogischen Folgerungen zu gelangen. Die reaktionären Parteien Deutschlands nützen diesen sogenannten wissenschaftlichen Antisemitismus aus, wie sie den religiösen Antisemitismus ausnützen und vor allem ausgenützt haben. In kühler politischer Berechnung sind sie zu der Ueberzeugung gelangt, daß ihre reaktionäre Politik, daß die Bevorzugung bestimmter Klassen im Staate bei der Besetzung der Aemter, bei der