Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1921)
- Article
- An die Unschuldigen
- Date
- 1921-10-01
- Page
- 307 (sequence 3)
- Language
- German
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An die Ungeduldigen 307 Verteilung der Steuern in den Massen niemals' einen Anklang finden kann, und ohne die Massen ist das moderne Staatswesen bleibend nicht zu beeinflussen. Sie bedürfen eines Lockmittels für die Massen, und da sie ihnen weiter nichts bieten können, so bieten sie ihnen den Antisemitismus, so locken sie alte Vorurteile wieder an die Oberfläche; sie pflegen diese Vorurteile, sie peitschen das empor, was der frühere Minister 6 erat bezeichnenderweise als die „antisemitische Melle" cbarakterisiert bat. Die antisemitiscbe Melle soll das auf den Sand geratene Schiff der Reaktion wieder flottmachen. Solcher plan der Reaktion entstannnt nicht der neuesten Zeit; er ist heute über hundert Jahre alt, und genau mit denselben Mitteln, die heute die Partei der Sergt und Lelsferich anwendet, wurde vor drei Menschenaltern die Stein-tzardcnbergsche Reform-Gesetzgebung durch die damalige Reaktion bekämpft. In Eingaben der damaligen Reaktion an den König Friedrich Milhelm III. bezeichnete man die Gesetzgebung des großen Ministers Stein und des lebcnsgewandtcn bardenberg als jüdische Reuerungen, die den altpreußischen Staat vernichten, müßten. Jüdisch war den deutschen Reaktionären immer das, was ihnen widerwärtig war, kam es auch aus christlichen kstrnen; und widerwärtig war ihnen immer, was ihrem einseitigen, egoistischen Klasseninteresse abträglich, und was der Entwicklung der Welt zuträglich und damit staatsnotwendig war. Dieser Kampf zwischen der Reaktion und dem gesunden Fortschritt, der sich in modernen Formen jetzt bei uns seit über elf Jahrzehnten abspielt, wird in kurzer Zeit sein Ende nicht gefunden haben. Man kann den reaktionären Kreisen in Deutschland ganz gewiß vielerlei Fehler vorwersen, den Fehler jedoch nickn. daß sie schnell kleinmütig, schnell schwächlich, schnell verzagt wären. Die Reaktion ist zäh; sie ist selbstbewußt, sie ist energisch, sie hält durch, und erscheinen die Zeiten für sie auch noch so ungünstig. An dieser Zähigkeit, an dieser Bereitschaft weiterzukämpsen, können sich alle politischen Parteien in Deutschland ein Beispiel nehmm, und an dieser Standhaftigkeit des antisemitischen Mollens müssen sich auch die Juden ein Beispiel nehmen bei der Verteidigung ihrer Rechte, in dem Millen, auf dem Gebiete der Rechtsgleichheit sich auch nicht ein Tüpfelchen von dem wieder rauben zu lassen, was die moderne Staatsverfassung ihnen zugesteht. Und was die Verfassung gegeben, darf nicht allein ein wertvolles v e r f p r e ch e n , es muß leibhaftige, greifbare Mirklichkeit fein. Die Ungeduldigen, die eines solchen steten Kampfes müde werden, sind geneigt, sich Kurpfuschern anzuvertrauen, die ihnen versprechen, daß das Ziel sich nach ihren Ratschlägen viel schneller erreichen lasse. Menn man ihre Rezepte alles Brimboriums entkleidet, so bleibt übrig, daß sie von den Juden in Deutschland nationale