Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1921)
- Article
- An die Unschuldigen
- Date
- 1921-10-01
- Page
- 305 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316912-2316920-2358942--32280-2358984- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
An die Ungeduldigen 305 fln die Ungeduldigen. von Dr. p a u I XI a t a n. ^m politischen Leben haben die Ungeduldigen eine sehr w i ch - tige Funktion zu erfüllen. 5'u drängen vorwärts; sie sorgen Dafür, das; die Organisation, der sie sich angeschlossen haben, nicht lässig wird, daß sie nicht einschiäst, daß sie beständig das Maximum an Kraft zu entwickeln sucht, das nach Lage der Verhältnisse eine nützliche Wirkung ausüben kann. Die Ungeduldigen können aber auch eine höchst verhängnisvolle Bolle fpiclcn; dann nämlich, wenn sie einer allzu schwachen Leitung gegenüber aus Aktionen bestehen, die als verfehlt sich in kurzem ergeben müssen. Stets und ständig ist es notwendig, daß Führer, die sich ihrer Ausgabe bewußt sind, sich nur so weit vorwärtsdrängen lassen, wie es geboten ist, und daß sie mit Nachdruck Bestrebungen zurückweisen, die schließlich sich als unzweckmäßig, vielleicht demnächst als verderblich Herausstellen werden. Daß Erfahrungen, wie diese, auch der Centralvcrein hat machen müssen, wird niemanden überraschen. Und so ist es angebracht, einmal solche Strömungen und Gegenströmungen, auf die hier hingewiesen wurde, schärfer ins Auge zu fassen. weise Kritiker stellen sich aus folgenden Standpunkt: Sie rechnen der Gefsentlichkeit vor, daß der Centralvcrein bereits soundso viele Jahre bestehe, und daß gleichwohl der Antisemitismus in Deutschland sortwuck'ere. Ls schließt sich nunmehr die Frage an: was hat der Centralverein also genützt? Unter Umständen auch die noch radikalere Frage: lhat er überhaupt etwas genützt, oder sind seine Methoden nicht falsche, verfehlte, und müssen diese Methoden nicht von Grund aus geändert werden? Das ist etwa der Standpunkt der neunmal weisen, die sich zum verband national-deutscher Juden zusammengeschlossen haben, der angeblich nach neuen Grundsätzen Deutschland von der Krankheit des Antisemitismus zu befreien gedenkt. Argumentationen, wie sie hier angedeutet wurden, sind nicht allein üblidj bei politischen Krankheiten, sondern bei jeder Krankheit, und sie ermöglichen es dem medizinischen wie dem politischen Kurpfuscher, an die Stelle des erfahrenen Arztes zu treten, der freilich kein Hexenmeister ist, und der gewisienhasterweise nicht einmal behauptet, ein Hexenmeister zu sein. Der Antisemitismus ist ganz gewiß keine politische Krankhcitserscheinung, die irgendeine Heilmethode der Welt von heute auf übermorgen beseitigen könnte. Der Antisemitismus gehört zu den Vorurteilen, die mehrere Jahrtausende alt sind. Cr seht sich zu-