Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 9 (September 1921)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1921-09-01
- Page
- 261 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316912-2316919--32198-2358902- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdische Rundschau 261 w des Heimatrechks der Juden die ganze Gleichberechtifür sie vollkommen illusorisch war. Aber es war schon zu spät. Lie rumänische Regierung lächle sich ins Fäustchen über die „schlauen" jüdischen Weltpolitiker. .Rumänien hatte die Bedingung des Berliner Vertrages buchstäblich erfüllt, wurde anerkannt, wurde sogar zum Königreich erhoben, wurde ein wichtiger Faktor der europäischen Politik, die Juden aber blieben „Ausländer ohne ausländischen Schutz", und zwar infolge eines kleinen Versehens der AeApolitiker. Und nun haben abermals Tausende von Juden zu leiden, weil man m Paris übersehen hatte, daß das Wörtchen Rasse für sie verhängnisvoll werden konnte. Der Eifer, mit dein die deutsch-österreichische Optionsbehörde diesen formalen Mißgriff der Pariser Stilisten auszunützen bemüht ist, ist nur eines der Symptome des crnschwellenden Antisemitismus, und bildet eine eindringliche Mahnung, in dessen Bekämpfung nicht zu erlahmen. Dieser Symptome sind gar viele. So wurde auf dem letzten christlich-sozialen Parteitag ein Antrag angenommen, all den ö st e r r e i ch i s ch e n Universitäten den numerus clausus einzuführen. Ein solches Gesetz würde die jüdischen Studierenden aus Ungarn und Oftgalizien besonders hart treffen, da sie in ihren Heimatländern vorderknb überhaupt zu den Hochschulen keinen Zutritt haben und gezwungen find, ihre Studien im Ausland fortzusetzen. Ihre Lage ist ohnehin furchtbar schwierig. Allerdings hat der Antisemitismus in Deutfch-Oesterreid) lange nicht jenen brutalen, lärmenden Charakter, den der norddeutsche aufweist, und dieser Umstand verleitet zahlreiche Kreise dazu, ihn mehr von der „gemütlichen" Seite zu nehmen und die Gefahr zu unterschätzen. Der Kontrast zu den fürchterlichen Zuständen in den benachbarten Teilen der ehemaligen Monarchie, Ungarn und Galizien, verstärkt nur noch dieses Gefühl der Harmlosigkeit. Man übersieht leider, daß lie deutsch-österreichische Bevölkerung anfangs der achtziger Jahre ganz fi gemütlich war, wie jetzt, daß damals der Antisemitismus in genau so krmlosen Formen auftrat, wie jetzt, und daß er sich gleichwohl in wenigen Jahren zu einer furchtbaren Geißel entwickelte, und zwar nicht nur sär Wien, sondern auch für die Inden von ganz Oesterreich-Ungarn. Es ist daher erfreulich festzustellen, daß die alte „Oesterrei ch i s ch - Israelitische Union", welche 86 Jahre lang tapfer gegen den Antisemitismus angekämpst hat, zu frischem Leben erwacht ist und sich in «ine Union deutsch-österreichischer Jude n umgestaltet bat. Tie Union hat eine ruhmreiche Vergangenheit hinter sich. Bis zum Zusammenbruch der Monarchie umfaßte sie alle österreichischen Provinzen, imd es war eine glänzende Leistung, die der unermüdliche und erfahrene Lekretär Siegfried Fleischer vollbrachte, indem er die Organisation aus dem Zusammenbruch rettete und sie auf '.mglsich schmälerer Aasis wieder aufbaute. Während des Krieges hatte die Union äußerst schwierige und verwickelte Aufgaben zu bewältigen. Der bei Kriegsbeginn von den Christlich-Sozialen verkündete Burgfrieden war bald durchbrochen vmden. Sowohl in bürgerlichen als in militärischen Kreisen machte sich eine verstärkte antisemitische Strömung bemerkbar, die immer zunahm, je langwieriger die Kämpfe verliefen und je empfindlicher die Folgen der allseitigen Absperrung fühlbar wurden. Die Ueberflutung von ganz Mittel- und Westosterreich durch galizifche Flüchtlinge löste statt deS tiefsten Mitleids mit den unglücklichen Kriegsopfern vielfach Patz und Feindseligkeit gegen sie aus. Besonders in Böhmen und Mähren, ws unter der tschechischen Bevölkerung noch die Erinnerung an die im Anschlüsse an den vor mehr als 20 Jahren ftattgefimdenen HilSner-?rozeß betriebene Ritualmordhetze lebendig war, wurde gegen dl« Tie steigend« antisemitische Hochflut Gemütlicher AntisenritiSmuS Die Oesterreich isch- Israelitische Union und ihre Leistung««