Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 9 (September 1921)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1921-09-01
- Page
- 256 (sequence 3)
- Language
- German
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255 Im deutschen Reich Mn Jude, um vcn rnau sich reißt Nass«, Nationalität und Sprache der „ostjüdischen" Schieber und Kriegsgewinnler erlvehren. Doch )m wir sehen, werden auch „westjüdijche" Bewerber abgemiejeu. Aber das trifft gerade nur solche Bewerber, die weder Schieber noch Kriegsgewinnler sind, sondern in redlicher Arbeit es nicht vermocht hatten, sich SRcicfitiiiner zusammenzuscharren. Die großen und kleinen Kriegsgewinnler und Schieber, die in der Lage sind, mit Tausenden und Zehntausenden um sich zu werfen, stoßen auf keinerlei Hindernisse, auch wenn sie „Ostjudeu" vom östlichsten Osten sind. Non ölet . . . Umgekehrt, man reißt sich um sie, und versucht sie zurückzuhaltcn, auch wenn sie 'mit aller Gewalt aus dem deutsch-österreichischen Staatsverband hinausstreben. In dieser Richtung ist das Beispiel jenes Wiener Barons berühmt geworden, der plötzlich sein — polnisches Patriotenherz entdeckte und sich als polnischer Staatsbürger erklärte, un der Vermögensabgabe von seinen unzähligen Millionen zu entgehen. Vergebens machte man von österreichischer Seite geltend, daß schon der Großonkel des Barons ans Lemberg eingewandert war, kein Wort Polnisch verstanden habe, an der Wiener Tramway sich ein großes Vermögen erwarb, sich dann, als die antisemitische Strömung überhandnahm, katholisch tausen ließ und überdies durch die Ehe mit eiuer Katholikin seine enge Zugehörigkeit zum Wiener Volk bekundet habe. Der Großneffe wiederum habe bicfcu Herzensbund abermals besiegelt durch seine Ehe mit eitler der schönsten Töchter Wiens aus einem der ersten katholischen Patrizierhauser. Es war förmlich rührend zu sehen, wie man auf einmal alles vergaß, was man dem Baron über den Ursprung seiner Millionen nachgesagt hatte und nur an seine Zärtlichkeit appellierte; andererseits wies das antisemitische Polen, welches seine alteingesessenen Juden so gern loswerden mochte, diesen reuig in seinen Schoß zucückkehreuden Großneffen nicht aus, sondern nahm ihn mit offe- .nen Armen auf; bestätigte ihm sogar seinen freiherrlichen Adel, der in Oesterreich infolge der Revolution die Geltung verloren hatte. Im Glanze der ungezählten Millionen, von denen nun ein kleiner Bruchteil in die polnische Staatskasse fließen sollte, verblaßte völlig die Erinnerung daran, daß der Baron eigentlich „Jude" war. Allerdings spendete der Baron reichlich, besonders für kirchliche Zwecke, hütete sich dagegen streng, für die polnischen Pogromopser einen Heller zu schenken. Und wiederum war cs rührend zu sehen, wie man sich in Polen über den wiedergekehLLen Verlorenen freute, der dem Vaterlands, dem teuren, in der dritten Generation die Treue bewahrte, und . . .. obgleich er seinen Wohnsitz in Wien behielt, doch dem ehemals tiefgebeugten, nunmehr wiederaufgerichteten Polen angehören wollte. Ja, Baron, das ist etwas anderes. Non ölet . . . Aber ein gewöhnlicher Sterblicher kann die österreichische Staatsbürgerschaft nicht erlangen, da er der Rasse nach nicht der Mehrheit der Bevölkerung angehört. Man muß nämlich wissen, daß der Artikel 80 deS mit Oesterreich geschlossenen Friedensvertrages bestimmt: von den Bürgern des ehemaligen Kaiserstaates dürfen für Deutsch-Oesterreich solche optieren, die „par la race et la langue" der Mehrheit der deutsch-österreichischen Bevölkerung angehören. Das will natürlich nichts anderes sagen, als daß der Bewerber der Nationalität und der Sprache nach dem deutschen Volke zugehörig sein müsse. „Race" steht hier für „nationalrtö", welches Wort aus dem Grunde nicht gebraucht wurde, weil es bekanntlich int Französischen etwas ganz anderes bedeutet, als im Deutschen, nämlich Staatszugehörigkeit. Jeder französische Staatsbürger gehört zur französischen „nationalite"; tritt einer aus dem französischen Staatsverband aus, so verliert er eben die frarizösische nationalits im staatsrechtlichen Sinne, wahrend die frühere österreichische Staatsbürgerschaft Personen der verschiedensten Nationalitäten umfaßte, Deutsche, Tschechen, Polen, Süd-