Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Article
- Zur Ostjudenfrage
- Date
- 1921-07-01
- Page
- 218 (sequence 5)
- Language
- German
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218 Im deutschen Reich in Deutschland zu leisten. Sie haben im Januar 1920 das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen DeuLschlguds geschaffen. Die Vertreter aller jüdischen Organisationen haben in einer der Ostjudenfrage gewidmeten Besprechung kürzlich erneut die Notwendigkeit des Hilfswerks betont. Das deutsche Judentum must sich mit dem Problem der Ostjudennot in Deutschland beschäftigen. Es must dieses Problem zu beseitigen suchen, damit nicht diese Ostjudennot in Deutschland zu Angriffen gegen das deutsche Judentum benutzt wird und dem Judenhaß in wirksamer Weise ein Objekt entzogen wird. Die alle Kreise des deutschen Judentums heranziehende Tätigkeit des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands hat wesentlich dazu beigetragen, die Kenntnis der mit der ostjüdischen Wanderung zusammenhängenden Fragen zu verbreiten. Als solche sind zu nennen die Kenntnis der Psyche, der Lebensbedingungen, der eigentlichen Struktur der jüdischen Massensiedlung im Osten, Kenntnis der Art und des Charakters der jüdischen Wanderung, endlich die Kenntnis der ökonomischen Schichtung der Auswanderer. So ist es auch gelungen, d i e Kreise für das Hilfswerk zu gewinnen, die ursprünglich ungenau unterrichtet eins ablehnende Haltung eingenommen hatten. Dis jüdische Oeffentlichkeit hat erkannt, daß hier Lebensinteressen auch des deutschen Judentums aus dem Spiele stehen, daß eä * für das deutsche Judentum nur den Weg der menschlichen und der jüdischen Hilfeleistung gibt. Denn vielfach nennt der Antisemitismus die Ostjuden, meint aber Ost- und Westjuden, wie das in erschreckender Weise die Vorgänge in Bayern gezeigt haben. Hier kann nur prak- 11 s ch e soziale Arbeit, nämlich die V r o d u k t i v i e r u n g , die Erziehung zu werktätigem Schaffen dem Judenhaß ein bequemes Karnpfmitte l entziehen und damit die moralische Stellung des deutschen Judentums' stärken und festigen. Wenn eine verschwindende Minderheit des deutschen Judentums glaubt, sich retten Zu können, wenn sie die Ostjuden abschüttelt, dann must ihr gesagt werden, daß der Weg, der von ihr gegangen wird, falsch und unklug ist. Denn die Interessen der oft jüdischen Flücht-! x ix g c, b t e Interessen des deutschen Judentums und die richtig v e r st a n d e n e n Interessen des -deutschen Volkes stehen nicht miteinander in Widerspruch. So dient das Arbeiterfürsorgeamt auch den deutschen Interessen. Daß eine befriedigende Regelung möglich ist, hat die Tätigkeit des Arbeitersürsorgeamtes, von"-der später noch kurz zu sprechen sein wird, erwiesen. Hier mag angedeutet werden, daß in einer Zeit, wo Deutschland mehr als je von Imponderabilien, wie sie die öffentliche Meinung des Auslandes darstellt, abhängig ist, eine feindselige Ausländerpolitik m Deutschland, und sei es sogar nur eine feindselige Ostjudenpolitik, irn deutschen Interesse höchst unklug ist. Die deutsche Judenheit hat dies erkannt. Die deutsche Judenheit in ihrer Gesamtheit hat ihre moralischen Verpflichtungen mit dem Gebot der politischen Klugheit übereinstimmend erkannt und sich bereit erklärt, ihnen nachzukommen und wie gesagt, damit auch durchaus im deutschen Interesse zu handeln. Auch die Regierung hat anscheinend erkannt, daß eine gewaltsame Lösung des Problems nicht möglich ist, sie hat erkannt, daß eine Heranziehung der deutschen Judenheit zur Lösung dieser Aufgabe unumgänglich notwendig ist. Wir haben in Deutschland eine ganz unübersichtliche, widerspruchsvolle und ressortmäßig eingestellte unsystematische Ausländergesetzgebung. Es würde zu weit führen, dieses Urteil im einzelnen hier an dieser Stelle zu begründen. Das mag einer Darstellung an anderer Stelle Vorbehalten bleiben. Diese Ausländergesetzgebung aber ist es, die eine einheitliche Regelung der im Zusammenhang mit der ostjüdischen Einwanderung stehenden Fragen außerordentlich erschwert. Immerhin