Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Article
- Zur Ostjudenfrage
- Date
- 1921-07-01
- Page
- 219 (sequence 6)
- Language
- German
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Zur Osrjudenfrage 219 ist durch die Anerkennung des Arbeiterfürsorgeamtes eine Basis geschaffen worden, auf der ein gemeinsames, planvolles Arbeiten möglich ist. Die Regierung hat anerkannt, daß eine auf genauer psychologischer Kenntnis der Besonderheiten der Eingewanderten beruhende Flüchtlingsfürsorge Voraussetzung für eine zweckmäßige Behandlung der ganzen Frage ist. Es ist vielleicht notwendig, an dieser Stelle nachdrücklichst darauf hinzuweisen, daß selbstverständlich für eine Beurteilung der Auslandergesetzgebung die Frage des Vorgehens gegen verbrecherische oder sonst schädliche Elemente gar nicht gestellt worden ist. Sie scheiden für die s e Betrachtung in der gleichen Weise aus, wiedas A r - b e i t e r f ü r f o-1 gle a tu t der jüdis chi e n O r g a n. t ] a t1 o n e n % e 111 f 6) l a H b §> "ft e t § jegliches E i n t r e t en für s o l ch e Elemente a b g e l e h n t hat und stets a b l -e h it e n wird. Verbrecherische Elemente müssen unter allen Umständen mit der ganzen Strenge des Gesetzes verfolgt werden. Die Regierung hat die Mitarbeit des AröeiterfürsorgeamteS gewünscht, und sie glaubt auch . heute noch, diese Mitarbeit nicht entbehren zu können. Die deutsche Judenheit hat sich dieser Mitarbeit nicht entzogen. Die Mitarbeit des Arbeitersürsorgeamtes bestand vor allen Dingen in einer ständigen Vorprüfung bei der Legitimierung der ostjüdischen Flüchtlinge und auch bei. der Prüfung etwaiger Ausweisungen. Sie bezog sich ferner insbesondere auf die Produktivierung der zunächst nach den Großstädten Strömenden, auf ihre Dezentralisation in der Industrie und endlich aus ihre Rück- und Abwanderung. Man muß sagen, daß bisher auf diese Weise eine für alle Teile erträgliche Lösung der Probleme zustande gekommen ist. Ob sich diese Verhältnisse in Zukunft andern, muß im Augenblick dahingestellt bleiben, Wir wollen die Vorgänge im Lager Stargard, wo man leider auch Nichtkriminelle interniert hatte und wo unwürdige Mißhandlungen und Beschimpfungen der Internierten vorgekommen sind — das Nähere dürfte aus der Tagespresse bekannt sein — noch nicht als symptomatisch ansehen, wir wollen noch annehmen), daß diese unglaublichen Vorfälle zurückzusühren sind aus das Verschulden örtlicher Beamten, und daß sie in gewisser Weise mit jeder Internierung verknüpft sind. Aber wir wissen, daß auch, wenn einmal antisemitische Kreise die Behandlung der Ostjudenfrage in Deutschland in die Hand bekommen sollten, niemals die Mitarbeit der deutschen Judenheit wird entbehrt werden können, daß als einzige Stelle in Deutschland das ArLeiterfürsorgeamt es war, das eine größere freiwillige Rückwanderung, eine Rückwanderung, die auch die Interessen der Rückwanderer selbst wahrte, in die Wege leiten l o it n L e. . Das deutsche Judentum wird auch ferner sich seiner Pflichten bewußt sein, seiner Pflichten als deutscher Staatsbürger und seiner Pflichten als Brüder der heimatlosen Flüchtlinge aus dem Osten. Das deutsche Judentum wird mit zunehmender Kenntnis der Tatsachen erkennen, daß ein Interessengegensatz hier nicht besteht. Es erkennt und zerreißt schon jetzt das Lügengewebe antisemitischer Phrasen und Beschuldigungen. Der Beschluß, den die Vertreter der jüdischen Organisationen und der Berliner jüdischen Gemeinde in der erwähnten Besprechung gefaßt haben, spricht die Notwendigkeit der moralischen und finanziellen Unterstützung der mit der Ostjudenfürsorge betrauten Organisationen aus. Er betont die Verpflichtung gerade auch der jüdischen Gemeinden, sich der Notwendigkeit des Hilfswerkes nicht zu verschließen. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens aber wird in Gemeinschaft mit den übrigen Organisationen den Weg gehen, den ihm seine sachkundigen Vertreter als gangbar und notwendig gewiesen haben.