Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Article
- Zur Ostjudenfrage
- Date
- 1921-07-01
- Page
- 216 (sequence 3)
- Language
- German
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216 Im beutfd)cn Reich inbujtne kamen, wenn auch die Auswahl dieser Menschen eine außerordentlich mangelhafte war. Es sind im Gegensatz zu früher jetzt Arbeiter gewesen, die die jüdische Bevölkerung Deutschlands vermehrt haben. Die Zahl der zwangsweise und auf Arbeitskontrakt nach Deutschland Gekommenen wird nach sorgfältigen Erhebungen mit etwa 30 000 angenommen werden müssen. Zu ihnen kamen nach Kriegsende die Pogromflüchtlinge, die insbesondere nach den: Lemoerger Pogrom aus Polen um jeden Preis wenigstens ihr nacktes Leben zu retten versuchten. Ferner kamen hinzu die Amerikawanderer, die, nachdem sie in Deutschland nach mehrmonatigem Aufenthalt Reisegelder, Schiffskarten und Einreisepapiere .bekommen hatten, Deutschland wieder verließen. Endlich kamen hinzu die Militärflüchtlinge. Diese Einwanderung erreichte hü Jahre 1919 ihren Höhepunkt. Sie nahm dann langsam, aber ständig ab. um im Herbst 1920 völlig anszuhören. Insgesamt haben nach Kriegsende etwa 70 000 Ostjuden die deutsche Grenze überschritten, einschließlich derjenigen, die nach der Demobilmachung des Heeres, von ihren Arbeitsplätzen vertriebe!!, nach Polen zurückgingen und, da sie dort eine zerstörte Industrie vorsanden, wieder nach Deutschland zurückzukommen versuchten. Verblieben ist in Deutschland jedoch, nachdem bereits im Jahre 1920 die Rückwanderung und Auswanderung sehr erheblich zugenommen batte, nach sorgfältigen Schätzungen, die sich auf amtliche Erhebungen über die Zahl der jüdischen Bevölkerung sowie die Statistiken der jüdischen Institutionen stützten, nur -eine Zahl von höchstens 55 000 bis 60 000. Die Zahlen, die Direktor Laporte. vorn Berliner Wohnungsamt seinerzeit als die Zahl der in Berlin befindlichen Ostjuden angenommen hatte, hat der Direktor des Wohnungsamtes nach genauer Prüfung nicht mehr aufrechterhalten. Professor Silbergleist der bekannte Statistiker der Stadt Berlin, schützt die Zahl der in Berlin ansässigen, neu hinzuaewanderten Ostjuden auf höchstens 25 060, und erfahrungsgemäß ist in Berlin immer noch die Halste aller im Deutschen Reich befindlichen Ostjuden ansässig. Das Problem nun, das diese doH relativ geringe Zähl von Menfcken bildet, ist von antisemitischer Seite maßlos übertrieben worden. Die Ostjuden sind es, so heißt es, die die Arbeitslosigkeit, die die Wohnungsnot, die den Bolschewismus verursachen. Die Ostjuden sind es aus der anderen Seite wieder, die arbeitsscheu sind, unproduktiven Beschäftigungen sich hingeben und Schieberei treiben. Hier muß auf Tatsachen hingcwiesen werden, die in überzeugender Weise zeigen, daß die Dinge anders liegen, wie Antisemitismus und eine irregesührte öffentliche Meinung sie darstellen. Nach den Mitteilungen der Gewerkschaften, den Feststellungen der jüdischen Arbeiterfürsorgestellen und auch nach den Berichten der Regierungspräsidenten sind etwa 40 000 jüdische Arbeiter in Kohlengruben unter Tage in Deutschland geschäftigst etwa 13 000 bis 15 000 im rheinisch-westfälischen Industriegebiet in der Industrie tätig, Tausende als Landarbeiter aus großen Gütern. Als Beweis, wie sich die jüdische!! Arbeiter bewähren, mag die Tatsache gelten, daß Rittergutsbesitzer zum dritten und vierten Male jüdische Landarbeiter wegen ihrer Genügsamkeit, ihres Fleißes und ihrer Ehrlichkeit anfordern. So schreibt z. B. ein christlicher Gutsbesitzer, dem durch das Jüdische Arbeitsamt Landarbeiter zugewiesen wurden: . Arbeiter arbeiten seither zu meiner größten Zufriedenheit und sind, wie ich mich selbst des öfteren überzeugt habe, sehr zufrieden. Falls Sie z. Zt. noch etwa 5—6 tüchtige, kräftige Arbeiter zur Verfügung haben, wäre Ihnen für Zusendung dankbar." Eine andere Firma schreibt: