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Im deutschen Reich · 1921-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1921) · p. 215

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
27 (1921)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1921)
Article
Zur Ostjudenfrage
Date
1921-07-01
Page
215 (sequence 2)
Language
German
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Zur Ostjudensrage 215 Br. Paul Nathan war es, der an anderer Stelle in seinem Referat, das er am 6. Juni 1921 vor den Vertretern der großen jüdischen Organisationen und der Jüdischen Gemeinde hielt, auf diese geschichtlichen Begebenheiten hingewiesen hat. Hier sei kurz -die Tatsache des Aufrufes der deutschen Heeresverwaltung in Polen erwähnt, der den Juden Befreiung verhieß, der aber den Keil zwischen die jüdische und polnische Bevölkerung trieb. Es heißt in dem Ausruf: ,,Die heldenhaften Armeen der mitteleuropäischen Regierungen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns sind nach Polen hereinmarschiert. Der mächtige Marsch unserer Armeen hat die despotische russische Negierung gezwungen zu entlaufen. Unsere Fahnen bringen euch Recht und Freiheit, gleiches Bürgerrecht, Freiheit für den Glauben, Freiheit zu arbeiten in allen Zweigen des ökonomischen und kulturellen Lebens in ihrem Geist. Wie Freunde kommen wir zu euch. Für Juden soll das gleiche Recht aufgebaut werden auf festen Fundamenten. Laßt euch nicht, wie früher einmal, aböringen durch unverbindliche Versprechungen. Man hat euch Versprechungen für gleiche Rechte im Jahre 1905 gemacht, man hat euch das höchste Manifest darauf gegeben. Wie hat man euch die damalige Liebe bezahlt, was hat man vor der ganzen Welt auf sich genommen? Gedenket, wie man tagtäglich die Juden aus ihren Orten austreibt. Es sei ferner hier zunächst einmal kurz darauf aufmerksam gemacht, daß ein großer Teil der heute in Deutschland befindlichen Ostjuden zwangsweise als deportierte Arbeiter zur Arbeit in der deutschen Kriegsindustrie nach Deutschland gebracht worden ist, ein anderer Teil auf sogenannten freien, zunächst sechsmonatigen Arbeitskontrakt nach Deutschland vermittelt wurde. Diese Leute wurden jedoch, als die Vertragszeit abgclaufen war, Zwangsweise in Deutschland festgeh alten. Das sind Tatsachen, die geeignet sind, eine moralische Verpflichtung Deutschlands gegenüber den flüchtigen Ostiuden zu begründen. Diese durch Deutschland geschaffenen besonderen Bedingungen waren es auf der einen Seite, auf der anderen Seite war es der Antisemitismus, der zwischen Ausländern, zwischen abenteuernden Daltischen Baronen und Juden sehr wohl unterschied, die dazu zwangen, überhaupt von einer besonderen Ostjudensrage in Deutschland Zu sprechen und das Ostjubenproblem nicht lediglich als' ein Ausländerproblem zu betrachten. Diese Begleiterscheinungen waren cs auch, die die deutsche Jndenheit zwangen, zur Ostjndenfrage Stellung zu nehmen, im Namen des Rechtes und der Humanität gegen eine S o n - d e r behandlung der Ostjuden zu protestieren. Betrachten wir kurz Zahl, Ort und Geschichte der neuerlichen ostindischen Einwanderung nach Deutschland. Wohl wenigen ist es besannst daß bereits vor'dem Kriege eine größere ostjüdische- Bevölkerung in Deutschland ansässig war, die nur wenig hinter der Zahl der Ostjuden tzurückbleiöt, die seit Kriegsausbruch nach Deutschland -gekommen und hier geblieben sind. 1605 befanden sich nach amtlichen Statistiken in Preußen, Sachsen und Hessen insgesamt etwa 50 600 Ostiuden. Diese Zahl hat sich in der Folgezeit vermutlich etwas verringert, da 1605 gerade als Jahr der russischen Revolution eine gewisse Abwanderung nach Rußland gebracht haben dürste. In Berlin, das bekanntlich immer ungefähr die Hälfte aller in Deutschland ansässigen Ostjuden gefaßt hat, waren im Jahrs 1910 insgesamt 21683 Ostjuden. wohnhaft, so daß die Zahl aller in Deutschland lebenden Ostjuden in diesem Jahr etwa 45 000 betragen haben dürste. Sie waren als Kleinhändler und Gewerbetreibende Vermittler des Handels nach dem Osten. Ein ganz anderes Element nun stellten die Ostjuden dar, -die zuerst in den Kriegsjahren nach Deutschland zur Arbeit in der deutschen Kriegs-

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