Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Article
- Betrachtungen zum jüdischen Nationalismus
- Date
- 1921-07-01
- Page
- 199 (sequence 7)
- Language
- German
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Betrachtungen Zürn Wischen Nationalismus' 199 geschehen. Gottes Offenbarung ist nicht an einen bestimmten Raum gebunden. Das Entscheidende für den Zusammenhang dieser Gedanken liegt in der nationalistischen Behauptung: Nur ein' jüdisches NaLionalbewußtsein ist Voraussetzung religiöser Erneuerung. Das ist es, was ich bestreite. Ich bestreite, daß, wenn ich mein Judentum bejahe, ich damit auch gleichzeitig jüdisches NaLionalbewußLsein haben muß, und ich bestreite, daß, wenn ich HLsein ablehne, ich der religiösen Berufung raels untreu werde. Zu welcher Nation ich auch als Jude gehören mag, mein Verhältnis zu Gott und seiner Offenbarung wird davon nicht berührt. Mein religiöses Lebensschicksal wird im Tiefsten nicht davon betroffen, ob ich mich zur jüdischen oder zur deutschen Kation rechne. Wenn der Jude — wie übrigens jeder religiöse Mensch — nicht im Grunde seines Wesens einer übernationalen Sphäre angehört, dann ist er Heide, aber nicht Jude, so jüdischnational er sich auch gebärden mag. Weltsch zeiht den Juden, der sich einer europäischen Nation zurechnet, der Mischassunilation, und läßt ihn folgendermaßen sprechen: „Ich erkenne nicht nur an, daß ich national gemischt bin, sondern ich halte diese Mischung gerade für besonders wertvoll." In diesem Satze steckt eine petitio principii. Was bewiesen werden soll: „Jude bedeutet nur eine Nationalität", wird vorausgesetzt. Welcher Jude, der sich zur deutschen Nation zählt, erkennt denn an, daß er national gemischt sei? Das könnte er doch nur dann, wenn er gleichzeitig zugeben müßte, daß er als Jude so ipso auch einer präsumtiven jüdischen Nation angehörte. Gerade das aber bestreitet er. Das Verhältnis von Judentum und Deutschtum ist dem Juden deutscher Nationalität nicht ein Verhältnis zweier Nationen zueinander, sondern ein Verhältnis zweier inkommensurabler Größen, deren eine sein politisch-kulturelles Schicksal in der Zugehörigkeit zur deutschen Nation, deren andere sein religiöses Schicksal in der Zugehörigkeit zur Religion des Alten Testamentes bestimmt. Ihm fallen eben nicht, wie dem NaLionaljuden, Nation und Religion zusammen. Den jüdischen Nationalisten läßt Weltsch folgendermaßen sprechen: „Ich erkenne wohl an, daß ich derzeit national gemischt bin; ich erteile aber dem Judentum in mir die Suprematie und strebe die allmähliche Schaffung einer modernen jüdischen Vol'lkulLur an." Der jüdische Nationalist will also der MischassimilaLion entgehen, d. h. einem innerlich unmöglichen nationalen DoppeLbewußtsein, indem er dem Judentum in sich „die Suprematie erteilt". Diese merkwürdige Wendung kann nur bedeuten: Der Jude soll sich nicht länger als Deutscher, Engländer oder Franzose fühlen, sondern nur als Jude im nationalen Sinne. Er soll nicht nach deutscher, englischer oder französischer Kultur streben, sondern nach jener modernen jüdischen BollkulLur, die, wie Weltsch sagt, erst allmählich entstehen kann. Und wie soll er sich bis dahin Beachtet die Anzeige: Philo Verlag!