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Im deutschen Reich · 1921-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1921) · p. 198

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
27 (1921)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1921)
Article
Betrachtungen zum jüdischen Nationalismus
Date
1921-07-01
Page
198 (sequence 6)
Language
German
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198 Fm deutschen Reich Schutze des englischen Staates werden auch in Palästina die üblichen Aeußerungen moderner Kultur wie Theater und Konzerte, Schulen und Hochschulen, wissenschaftliche und literarische Werke entstehen: die Sprache der Bibel mag unter den Händen begabter Schriftsteller für den Betrieb einer modernen Kultur geschmeidig gemacht werden — aber Menschen, Me die heilige Sprache schreiben, sind noch keine heiligen Menschen. Und mau vergesse auch eines nicht, das für die Argumentation der Zionisten'zu beachten ist:'Palästina lag damals innerhalb eines großen semitischen Kulturkreises, dessen fruchtbare Anregungen wir mehr und mehr festgestellL haben. Heute liegt Palästina in einer kulturellen Oede, und seine Bewohner bringen den Zivilisationsrationalismus des Abendlandes in die alte Heimat. Als unsere Vorfahren nach Babylon ins Exil geschleppt wurden, trugen sie den Gott in ihrer Brust; die tiefsten Offenbarungen dieses Gottes wurden auf fremdem Boden geboren. Nein, der Glaube der jüdischen Nationalisten ist mir gar zu modern; ich empfinde ihn als Assimilation-an das westeuropäische Vorurteil, JrrstituLLonen und Organisationen könnten Kultur hervorbrinaen, und eine völkische Kultur wurde sich von selbst ihren adäquaten religiösen Ausdruck schaffen. Aus biologischer^) und aus politischen Kräften glaubte man, ginge Religion hervor — wie unjüdisch ist doch das alles empfunden! Wie sind doch diese Annahmen nur das Echo deutsch-völkischer Zeit- und ZeitungstorheiLen? Wie fern steht man mir dem allem dem Judentum, das nicht von jüdischer Vollkultur zu Gott, sondern von Gott und seiner Offenbarung zu seinem eigensten Leben gelangen wollte. Alles Heidentum ist geozentrisch, alles Judentum theozentrisch. Kultur und Religion verhalten sich nicht zueinander wie Frucht zur Blüte —- das Verhältnis der'beiden ist irrationaler Art, mehr Spannung und Gegensatz als friedliches Neben- und Nacheinander.' Miteiner modernen jüdischen Vollkultur würden deshalb durchaus noch nicht die Vorbedingungen einer religiösen Erneuerung gegeben sein. Auch geschichtliche Parallelen sprechen dagegen. Mau denke an das Athen des' Perikles, an die italienische Renaissance, an das Jahrhundert Ludwigs XIV. Aber selbst bedeutende Kulturleistungen sind nicht ohne weiteres aus der 'Wiederherstellung nationalen Lebens zu erwarten. Die begabtesten Völker Europas sind im 19. Jahrhundert zu neuem nationalen Dasein gelangt. Hat das Griechentum nach seiner nationalen Einigung und Befreiung etwas hervorgebracht, was an Phidias ober Plato erinnern könnte? Hat "Italien etwas geschaffen, das sich'mit Dante oder Leonardo vergleicken ließe? Man mißverstehe mich nicht! Es kann natürlich sein, daß einmal in Palästina ein neues religiöses Leben entsteht, aber düs kann genau' so wahrscheinlich in Deutschland oder Amerika *) Weltsch redet 6.89 von einer „jüdischen Materie und einer gerade ihr auferlegten Sendung!"

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