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Im deutschen Reich · 1921-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1921) · p. 196

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
27 (1921)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1921)
Article
Betrachtungen zum jüdischen Nationalismus
Date
1921-07-01
Page
196 (sequence 4)
Language
German
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196 Im deutschen Reich jene Ehrerbietung entgegen, die ein ernster Glaube auch vom Zweifler fordert? Wir zweifeln nicht an seiner 'Echtheit, wir zweifeln an seiner Richtigkeit — mehr noch, wir leugnen, datz die Voraussetzungen, aus die er sich stützt, kritischer Prüfung standhalten. Man wende nicht ein, es liege im Wesen des Glaubens als einer motorischen Kraft, daß er sich nicht zu rechtfertigen brauche. Wer also redet, vergißt, daß dieser Glaube vieles verneint, an das wir anderen glauben, daß er von uns vieles auszugeben verlangt, an dem unsere Seele hängt, und das zu verleugnen uns nicht ohne triftige Gründe zugemutet werden kann. Denn gesetzt, der nationalistische Glaube: Rückkehr nach Palästina mit dem selbstverständlichen Bekenntnis zur jüdischen Nationalität, auch für diejenigen, die im Galuth bleiben müssen, wäre die Voraussetzung einer durchgreifenden Erneuerung Israels: Wem müßte nicht sein Gewissen schlagen, wenn er unter solchen Perspektiven den jüdischen Nationalismus verwürfe, wer möchte sich vermessen, dieser heiligen Zukunft fern zu bleiben? Er müßte freilich von seinem Glauben lassen an eine religiöse Erneuerung des Judentums in den Heimatländern, in denen seit Jahrhunderten die Gebeine seiner Voreltern ruhen. Er müßte, wenn anders der Glaube des jüdischen Nationalismus zu Recht bestände, um seines Judentums willen die Liebe zu seinem Vaterlande sich aus dem Herzen reißen und sein deutsches Nationalbewußtsein aufgeben zugunsten des jüdischen. Er müßte den Judengegnern alle jene Waffen in die Hände spielen, mit denen sie seit Jahrzehnten die Gleichberechtigung bekämpfen: Der Jude ist ein Fremdkörper in der deutschen Nation; der Jude will kein Deutscher sein; des Juden Vaterland ist nicht Deutschland, sondern Palästina — alle diese Argumente werden sich politisch nicht in entscheidender Weise auswirren, solange die große Mehrzahl der deutschen Juden in Wort und Tat, in Glaäbe und Liebe zur deutschen Nationalität sich bekennt. Diese Argumentationen gewinnen aber eine furchtbare Macht, sobald die Masse der deutschen Juden mit dem jüdischen Nationalismus Ernst macht. (Einen Vorgeschmack geben die bedenklichen Tatsachen, die Zollschan in seiner Schrift „Revision des jüdischen Nationalismus" mitteilt.) Ich setze noch einmal den nationalistischen Glauben in der Form eines artikulierten Schlusses hierher. Die jüdische Nation in Palästina hat eine hohe religiöse Kultur gehabt. Die religiöse Schöpferkraft ist seit Jahrtausenden wehr und mehr versiegt. Sie wird wieder entstehen und die religiöse Ausgabe Israels weitersühren, wenn die alten Bedingungen wieder hergestellt sein werden: Eine jüdische Nation aus jüdischem Boden. In diesem Schluß stecken eine Reihe der schwersten Fehler. Zuerst einmal: Man nimmt ein ursächliches Verhältnis zwischen der Tatsache der jüdischen Nationalität in Palästina und der Tatsache der religiösen Kultur an. Ein einzigartiges und rätselhaftes Schicksal, an dessen Geheimnis man nur mit den Worten Gnade und Offenbarung rühren kann, wird in ein kausales Schema gepreßt.

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