Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Article
- Betrachtungen zum jüdischen Nationalismus
- Date
- 1921-07-01
- Page
- 195 (sequence 3)
- Language
- German
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Betrachtungen zum jüdischen Nationalismus' 195 Italien, Griechenland, Belgien und Deutschland haben diesen Glauben bis jetzt nicht gerechtfertigt. Seit einigen Jahrzehnten, sehen gewisse Kreise in der Rasse und in ihrer Reinzüchtung die sichere Vorbedingung kulturellen Schaffens — ein Glaube des Materialismus. Weil Gott Israel einmal gnadenreich heimgesucht hat- und Männer hat erstehen lassen, die in furchtbaren Schicksalsstürmen Gesichte Gottes geschaut und in ewigen Worten festgehalten haben, dieses einmalige einzigartige Wunder soll uns das sichere Vertrauen geben, auf eine ähnliche jüdische „Vollkultur", wenn einmal wieder eine jüdische Nation auf jüdischem Boden sich befindet. Auf diesen Glauben stößt man immer wieder, wenn man den jüdischen Nationalismus mit seinen Anhängern erörtert. Dieser Glaube macht auch diejenigen religiösen Kreise dem jüdischen Nationalismus nicht abhold, die ihn sonst aus vaterländischen Gründen aölehnen. Es dürfte sich daher empfehlen, den Gedankengang, der diesem Glauben zugrunde liegt, etwas eingehender zu prüfen. Wenn der Fromme vom Glauben an Zion spricht, so bedeutet er ihm eine letzte keusche, religiöse Erwartung an eine Zeit, deren Eintritt von dem unerforschlichen Ratschluß Gottes abhängt, eine Zeit, in der Israel und die Menschheit erlöst ist aus" allen Qualen äußerer und innerer Zerrissenheit, eine Zeit des messianischen Reiches, da die Erde voll der Erkenntnis Gottes ist, da die Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet sein werden und Wolf und Lamm beieinander wohnen. Dieser Glaube hat mit dem Nationalismus, hat mit irgendwelcher Politik nichts zu tun. Er gehört keiner Sphäre der Argumentation an, er stützt sich auf keinerlei Schlüsse: Aus ihm spricht die Gottiunigkeit des jüdischen Herzens. Der Glaube des jüdischen Nationalisten hat mit dem messianischen Zukunfts-- glauben nur den Namen gemein — gibt es doch auch unter den Führern des Zionismus dezidierte Atheisten wie Max Nordau! Man sollte, um der Reinlichkeit der Begriffe wegen, statt von Zionismus besser von Palästmismus reden. Man würde damit das Heilige, das für jeden Juden in dem Worte Zion liegt, nicht der politischen Profanation aussetzen. (Die werbende Kraft des jüdischen Nationalismus ruht nicht zum geringen Teile darauf, daß man je nach Bedarf das Politische ins Religiöse hinüberschillern läßt.) Man würde damit auch deutlicher machen, daß der jüdische Nationalismus toto genere verschieden ist von dem messianischen Zukunstsglaüben. Das Bild der messianischen Zukunft hat sich ihm vom Religiösen ins Kulturelle, vom Transzendenten ins Immanente verschoben. Man will eine nationale Kultur. Eine solche hat es einmal in Palästina gegeben. Ihre Schöpfer waren Genien der Religion. Und nun folgert man: Wenn wiederum Juden in Palästina ein jüdisch-nationales Leben führen werden, dann wird die „unterbrochene jüdische Schöpferkraft" sich wieder in einer hohen religiösen Kultur manifestieren. Dasist der Glaube des Nationalismus. Er beseelt nicht die Schlechtesten unter der zionistischen Jugend. Wir bringen ihm