Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Article
- Betrachtungen zum jüdischen Nationalismus
- Date
- 1921-07-01
- Page
- 194 (sequence 2)
- Language
- German
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194 Im deutschen Reich des jüdischen Nationalismus; sie ist deshalb besonders geeignet, einige dieser Gedanken auf ihre Nichtigkeit noch einmal zu Prüfer?. Wenn man von der Lektüre deutsch-völkischer Schriften herkommt, ist man peinlich berührt von der Übereinstimmung, die zwischen ihnen und dem Gedanken des jüdischen Nationalismus besteht. Alle axiomatischen Voraussetzungen des deutsch-völkischen Schrifttums sind ohne Prüfung übernommen; mehr noch: Man stützt geradezu den jüdischen Nationalismus mit Argumentationen, die den Gedanken des deutsch-völkischen bestimmen. Die Deutsch- Bölkischen setzen die Religion als nationalen Faktor; sie lehnen aus diesem Grunde die Bibel als jüdisch-nationale Kulturschöpfung ab. Auch Weltsch bewertet die Bibel nur als nationale Schöpfung. Sie soll erneuert und fortgesetzt werden, indem wir uns bereit erklären, an „der Schaffung einer jüdischen Vollkultur mitzuarb eiten". Hier muß ich schon innehalten. Hier empfinde ich den ganzen Abstand zwischen mir und den jüdischen Nationalisten. Ich kann natürlich Thora, Propheten und Psalmen betrachten als Ausdruck jüdischer Vollkultur, sofern ich sie etwa mit indischen oder griechischen religiösen Schöpfungen vergleiche. Aber begebe ich mich nicht meiner tiefsten jüdischen Ueb'erzeugung, wenn ich die Heilige Schrift als Ausdruck einer Leiftungskultur betrachte? Sie hat dann ästhetischen, hat historischen Wert ich kann stolz auf sie sein, sie rann bei antisemitischen Angriffen mein Selbstbewußtsein starken, aber ich kann nicht für sie leben und sterben; das Heil meiner Seele, die Ewigkeit meines Glaubens hat mit der Heiligen Schrift als Ausdruck jüdischer Vollkultur nichts zu tun. ^Sie ist in die Sphäre des Relativen herabgesunken — sie ist nicht mehr Offenbarung im Sinne einer durch Gott bewirkten, wenn auch menschlich bedingten Tat. Aus der Absolutheit meines Judentums lehne ich die Bibel als Ausdruck jüdischer Vollkultur ab; es ist eine heidnische, eine völkische, aber keine jüdische Auffassung. Das Judentum der Bibel steht mir zu hoch, um es als bloß national anzusprecheu. Es ist für Weltsch durchaus bezeichnend, wenn er hoffend glaubt, eine jüdische Vollkultur wie sie zur Zeit der Propheten und Psalmeudichter vorhanden war, würde wieder entstehen, wenn die Juden nur wollten! Wenn sie sich bereitsinden würden, wieder Natioualjuden zu werden und „an der- Schaffung einer jüdischen Vollkultur mitzuarbeiten". Kann man eine Kultur, wie sie in den Ewigkeitswerten der Bibel vorliegt, erarbeiten? Wir wissen heute ebensowenig wie vor Jahrtausenden, was für ein rätselhaftes Zusammenströmen von Kräften eine Vollkultur hervorbringt. Wir sehen bald in Athen, bald in Florenz, bald in Weimar Gestalten austauchen, die in kurzer Zeit gewaltige Kulturschöpfuuaen Hervorbringen. Welches die Voraussetzungen dafür sind, wissen wir nicht. Der Rationalismus unserer Zivilisation hat dahin geführt zu glauben, wir könnten die Bedingungen Herstellen, die eine Vollkultur Hervorbringen. Insonderheit glaubte das 19. Jahrhundert, die nationale Einigung wäre eine sichere Gewähr für die Entstehung großer nationaler Kulturschöpfüngen.