Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1921-05-01
- Page
- 175 (sequence 15)
- Language
- German
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Jüdische Rundschau 175 üble Leistung. Man mochte dem gelehrten Grafen das Werk Fritz Mau t1) n e r s : „D er Atheismus u u d seine G e s ch i ch t e t m Abendland e"^) empfehlen. Durch dieses ebenso gründliche wie geistvolle Buch könnte der englisch schreibende französische „Gelehrte" ausführlich darüber belehrt werden, was gerade Franzosen und Engländer zur Verbreitung und Begründung des Atheismus und des Materialismus getan haben, als Philosophen, als Naturforscher, als Historiker und Politiker, die eineu mit feierlichem Ernst, die anderen mit zynischem Hohn, die einen offen und gerad heraus, die anderen unter der Maske des Konservatismus, sogar einer erheuchelten kirchlichen Frömmigkeit. Ob Spinozas System zum Atheismus führe, mag dahingestellt bleiben, daß es Materialismus sei, konnte nur einem Menschen einfallen, der Trotzki in gerader Linie von Spinoza herleitet. Sicher hat, wie Mauthner unter umfassender Beherrschung der gesamten Literatur in glänzender Beweisführung darlegt, seit dem 16. Jahrhundert dem Atheismus und dem Materialismus als metaphysischer Doktrin teurer so weitgehend gehuldigt, wie die führenden Geister der französischen und der englischen Nation, bis hoch in die Reihen der kirchlichen und staatlichen Würdenträger hinauf. Betrachtet man die von Mauthners Meisterhand gezeichneter: geistigen Bildnisse der Gassendi, Pierre Bayle, le Voyer, Montaigne, Foucher, Charron, dann die der Bacon., Cherbury, CudworLH, Toland, Chubb, Bolingöroke, HobLes, Hume, Locke, so möchte man fast meinen, Sensualismus, Materialismus, schroffe Negation zersetzender Zweifel seien integrierende BestarrdteiLe des englischen und französischen Nationalcharakters. Daneben erscheint Spinoza als eine Seele voll tiefer Frömmigkeit und gläubiger GottergeLenheit, politisch als strenger Konservativen, der vom Staate nur Toleranz gegenüber den religiösen Lehrmeinungen forderte. Um Trotzki mit Spinoza in Zusammenhang zu bringen, dazu gehört die halsbrecherische Logik des Antisemitismus. Wir haben gesehen, wie die Bolschewisten unter Trotzkis Kommando sich zum Judentum verhalten. Will man aber den geistigen Urquell der Moskauer Lehre und Weltanschauung finden, so muß man ihn im Nuss ent um suchen. Der beste Führer auf diesem Wege ist Karl N ö tz e!: „D i e G r u n d l a g e n des g e i st i g e n R u ß l a n d s, B e rsuch e in e r P s y cho lo g i e des russischen Geistesleben §"4 5). des PoNche- Der Verfasser hat zwanzig Jahre in Rußland gewohnt, hat da^ politische, wisurus soziale und geistige Leben der Russe:! auf allen seinen Stufen kennengelerut und analysiert es mit der feinsten Schärfe des Psychologen und der Objektivität des überlegenen Beobachters und Verstehers. „Eine große Verführung geht vom russischen Geiste aus, ihm wohnt dabei die ganz offene Tendenz inne, uns Westeuropäer unserem eigentlichen Wesen abtrünnig zu machen, und trotzdem hat er uns sehr "vieles und sehr wichtiges zu geben." Nötzel ist ein Gegner der Rassentheorien und verzichtet daher auf die Annahme eines für ewig festaelegten nationalrussischen Volksnaturells. Er geht von den h istorische n Schicksalen Rußlands aus und entwickelt aus diesen kulturellen Einflüssen die einzelnen Aeußerungsseiten des russischen Geistes. Wir lernen den historischen Ursprung des russischen Despotismus kennen), der nach und nach das Geistesleben vergewaltigte, die Bevormundung durch die Regierung als natürlichen Zustand erscheinen ließ. Wir sehen, wie die russische „Intelligenz" sich als Gegenorganisation gegen diese Bevormundung konstituierte, wie sich in der Vorstellung der Russen die Begriffe ^sozial" und 4) Erster Band 1920, zweiter Baud 1921. Deutsche BerlagsanstalL, Stuttgart und Leipzig. Eugen Diederichs, Jena 1917,