Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1921-05-01
- Page
- 174 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316912-2316917--32005-2358643- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
174 Im deutschen Reich Das Haus deS Lords .gegen dis - tzüderremsnzipativrr Bekehrung der L-orisZ Die Juden als die Väter des Atheismus: eines Christen" (nxon the true faitli of a Christian) forderte, ym Jahre^ 1883 überreichte die ch r i st! i ch e Bevölkerung von Liverpool, Bristol, Manchester dem Parlament eine Petition mit 45 000 Unterschriften, im Jahrs 1834 die ch r t st l. i ch c Londoner Bevölkerung eine solche mit 24 000 Unterschriften, die die Zulassung der Juden zum Parlament .forderten Aber die gewählten jübijdjcu Abgeordneten mußten vor der Türe stehen bleiben, da die starre Formel ihnen den Eintritt verwehrte und das Oberhaus sich hartnäckig weigerte, den Beschlüssen des Unterhauses nachzugeben nnd sie für die Juden abzuärrdern. Unter der hohen Geistlichkeit waren es die politisch liberal gerichteten, die für die Emanzipation stimmten, während der konservative Erzbischof von Eanterbury und der gleichgesinnte Bischof von. London dagegen waren. Der letztaenarmtei sagte, man könne den Juden alles gewähren, nur nicht das Recht, an der Gesetzgebung teilzunehmen, da es nicht angehe, daß ein Jude^den Christen Gesetze diktiere. Der fromme Mamt vergaß nur, daß die Juden durch ihre Bibel das längst getan hatten. Der Kamps um die Eidesformel nahm bisweilen groteske und komische Formen an. Im. Jahre 1857 machte Lord Palmerfwn den Konservativen ein Zugeständnis, indem er dem Gesetz die Bedingung zufügte, daß kein Jude das Amt eines Regenten des Königreichs, eines Premierministers, Lord- Kanzlers oder Statthalters von Irland bekleiden dürfe. Allein auch diese Formulierung wies das Oberhaus ab. Erst ein Jahr später kam ein Kompromißgesetz zustande, wonach das Unterhaus von Fall zu Fall über die Zulassung eines gewählten jüdischen Mitgliedes abstimmen sollte. Wer erst im Jahre 1866 wurde die Formel so abgeänberfe, ba$ sie auch für Juden paßte und es fortab keiner jedesmaligen Sonderabstimmung bedurfte-. — Es muß indessen zugegeben werden, daß dis englischen Konservativen im Gegensatz zu ihren kontinentalen Parteigenossen sehr rasch umlernten, so daß die. jüdischen Politiker sich ihnen anschlossen und mit ihnen sogar Führerstellungen einnahmen. Sie fühlten sich nicht geknickt, als vor kurzem ein ehemaliger jüdischer Handlungsgehilfe zum Vizekönig von Indien, neben dem König der höchsten Persönlichkeit im Reiche, vorrückte und auf den gerade jetzt ungeheuer schwierigen und verantwortungsvollen Posten gestellt wurde. Auf dem Kontinenz besonders aber in Mitteleuropa, und ganz besonders in Preußen, können sich die Konservativen noch immer sticht von ihren bornierten und überlebten Standesvor urteilen trennen und betreiben heimlich oder offen den Kampf gegen die Gleichberechtigung der Juden. Und aus dem von ihnen selber derart geförderten Radikalismus schmieden sie dann eine neue Waffe gegen die Juden. Die Anklage wegen des Radikalismus nimmt manchmal geradezu bizarre Formen au. Das hübscheste auf diesem Gebiete dürste wohl die Entdeckung sein, daß die Juden die Begründer des — Atheismus und Materialismus seien. Ganz im Ernst. Ein Franzose Namens Comte de Soissons beweist das haarklein in einer grundgelehrten Abhandlung,. abgedruckt in einer der vornehmsten englischen Zeitschriften, der ^Quarterly Review", unter der Ueberschrist „The Jews as a revolutionär y leaven". Gegen den Atheismus an sich hatte der fromme Graf vielleicht weniger einzuwenden, wenn der Atheismus nicht in gerader Linie zum Bolschewismus führte. Der Urheber des Atheismus aber ist — Spinoza, und von diesem führt eine gerade Linie über Heine, Herzen, Marx und Lassalle zu — Trotzki. Der russische demokratische Revolutionär Alexander Herzen^ der Sohn eines russischen Adligen und einer Deutschen, wird zum Juden gestempelt. Trotzki als Qüugcr Spinozas i\i auch keine