Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1921-05-01
- Page
- 172 (sequence 12)
- Language
- German
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172 Im deutschen Reich Vertretern, ui Heine und Börne, in Marx und LassaLe auf den Wegen des Radikalismus gesehenOncken faßt hier den Begriff Radikalismus?u allgemein. Zwischen den Gesinnungen der vier genannten „Inden" klaffen so tiefe Gegensätze, wie zwischen ihnen allen und den Konservativen. Und abgesehen davon, daß so mancher Abkömmling von Inden — man denke nur an Stahl und Sirnson — von jedem Radikalismus himmelweit entfernt war, ist es noch sehr fraglich, ob die genannten vier als die „kräftigsten" Vertreter des jüdischen Elementes anzusehen sind. Wir Juden wären jedenfalls geneigt, als die kräftigsten Vertreter unserer Gemeinschaft jene Elemente anzusehew, die damals 3. B. an dem Ausbau der Wissenschaft des Judentums arbeiteten, für die Emanzipation^ der Juden kämpften, ihre ganze Geisteskraft ansboten, eine Synthese zwischen Judentum und moderner Kultur zu finden, dem alten Väterglauben und seinen äußeren Ausdrucksformen die Erfordernisse des neuen Lebens so weit anzupassen, daß zwischen ihnen kein unüberbrückbarer Gegensatz bestehen bliebest auf jeden Fall aber gelten uns nur solche Männer als die Vertreter unserer Gemeinschaft, die fest und unerschütterlich auf dem Boden des Judentums standen und entschlossen waren, die Schicksale seiner Bekenner zu teilen. Von den genannten vier hatten drei auch äußerlich mit dem Judentum gebrochen, der eine, Lassalle, der es nicht getan, blieb nur äußerlich mit dem Judentum verbunden, hat aber (von den unklaren Regungen des Sechzehnjährigen abgesehen) nie irgendwelches theoretische oder praktische Interesse für das Schicksal des Judentums oder seiner Bekenner bekundet. Marx hat sogar ein gehässiges, unwürdiges Pamphlet gegen die Emanzipation der Juden verfaßt. An anderer Stelle faßt Oncken seine Anschauung etwas milder: „Es war begreiflich, daß die Unzufriedenen nach Verbesserung ihrer Lage drängten und sich den Oppositionsparteien anschlossen, ob nun der einzelne, wie die Radikalen Börne und Heine einen äußerlichen Uebertritt zum Christentum vollzog, oder wie der gemäßigte Gabriel Riesser bei dem Glauben der Väter verharrte." Immerhin findet er es ausfällig und unbegreiflich, daß „Börnes Dialektik sich stets um den Nachweis bemühte, daß die von der Reaktionsregierung am schnödesten um ihre Freiheit betrogenen Klassen der Demokraten und Israeliten Zusammenhalten müßten". Dies mag allerdings anstößig sein, auffällig und unbegreiflich ist es ganz und gar nicht. Jede nach Emanzipation oder nach Erweiterung ihrer Rechte ringende Klasse oder Gruppe sucht sich Bundesgenossen, wo sie solche findet. Das Bürgertum, im Gegensatz zu den bevorrechteten Klassen des Grundadels, des Militärs und der Bureaukratie, kämpfte um seine Gleichberechtigung im Staate, warb dabei um die Bundesgenossenschast der Juden und warb natürlich mit Erfolg, da die Juden um eine erkleckliche Anzahl von Stufen noch rechtloser waren als die nichtjüdische Bürgerschaft. Diese versprach den Juden die volle Gleichberechtigung, und der Liberalismus verwirklichte auch seine VersprechunüvcnSaxtüen 9eTt* Elle Konservativen aller Schattierungen und aller Länder waren rmd die Gleichseit jeher die heftigsten Gegner der Emanzipation der Juden und sind berechtigung es bis auf den heutigen Tag geblieben. Die Konservativen aller Schatder Juden Gerungen hätten die völlige Emanzipation der Juden fordern können, ohne ihren Grundsätzen den geringsten Zwang anzutun, ohne auch nur ein Jota von ihren Lehren zu verleugnen. Die Emanzipation der Juden verträgt sich sogar mit der Lehre vom „christlichen Staat" sehr wohl. Denn dos Wesen eines christlichen Staates beruht doch wohl darauf, daß er zur Verwirklichung der christlichen Liebesmoral strebt, nicht aber darauf, daß er alle nichtchristlichen Elemente in seiner Mitte in ewiger Rechtlosigkeit. gu halten habe. Hätte es sich in einem christlichen Staate z. B. um Mohammedaner gehandelt, die anderwärts mächtige Gemein-