Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1921-05-01
- Page
- 171 (sequence 11)
- Language
- German
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171 Jüdische Rundschau huldigen, und von hier ist nur ein Schritt zu, der Behauptung, daß der ganze Radikalismus ausschließlich das Werk der Juden sei. Diese optische Täuschung wird aber nur dadurch bewirkt, daß die Juden in den konservativen Parteien, wenigstens in Mittel- und Osteuropa, überhaupt nicht vertreten sind. Gäbe es in den Reihen der Konservativen' (namentlich in Preußen und Rußland) ebenfalls jüdische Führer oder wenigstens zahlreiche eminente Parteigänger, so wäre jene optische Täuschung gar nicht möglich. Wie kommt es aber, daß die Juden in den konservativen Parteien nicht Vertreter: sind? Fehlt den Juden jeder Sinn für das konservative Prinzip? Antisemitische Schriftsteller betonen mit besonderem Behagen, „den Juden fehle die Begabung, monarchisch zu empfinden". Als ob die „monarchische Empfindung" eine Sache der Begabung wäre und eine besonders hohe „rassische" edle Veranlagung dazu gehören würde, monarchisch zu 'empfinden. Hier erscheint die Begabung, monarchisch zu empfinden, als ein Charaktermerkmal reiner, edler, natürlich arischgermanischer Rasse, eine Begabung, die die Natur der niedrigen semitischen Rasse versagt hat. Man vergißt dabei, daß die antiken Griechen und Römer, die ja auch keine ganz niedrige Rasse waren, durchaus republikanisch empfanden und ihre größten Leistungen in der republikanischen Epoche hervorbrachten. Man lese in dem inhaltrerchen Werk: „Die Seelen der Volker". Idee:: zu einer Völkerpsychologie^) von Elias H u r w i e z die Schilderung der geistigen Dispositionen der Völker und ihres Verhältnisses zu den verschiedenen Staatsformen. Der ungewöhnlich belesene Verfasser hat die Zeugnisse der besten Kenner der einzelnen großen Völker aus den zuverlässigsten Quellen zusammengetragen. (Auch über die geistigen Dispositionen der Juden finden sich in dem Buche hochbedeutsame und interessante Ausschlüsse). „Jeder Lehrer der vergleichenden Staatswissenschaft," sagt Brunks in seiner Schrift „Die amerikanische Volksseele", „wird erfahren, wie viele Mühe es kostet, selbst ziemlich reifen Studierenden einen deutlichen Begriff von dem Wesen der europäischen monarchischen Einrichtungen beizubringen. Eine napoleonische Gewaltherrschaft, eine Diktatur, das läßt sich schon verstehen, aber eine legitime Monarchie erscheint dem Amerikaner einfach absurd, und er kann nicht begreifen, wie sonst vernünftige Leute an so etwas glauben können." Georg von Ska! betont in seiner amerikanischen Völkerpsychologie den auch hier dadurch entstehenden eigentümlichen inneren Widerspruch, daß der Amerikaner sich lieber freien Berufspolitikern mit allen ihren Mißbräuchen, als einer festen Monarchie oder Bureaukratie unterwirft. Ihre angebliche Verständnislosigkeit für monarchisches Empfinden (wenn sie' bestände) würden also die Juden mit den Amerikanern teilen, die doch wahrlich nicht das schlechteste Glied der arisch-germanischen Völkerfamilie bilden. Es gibt offenbar keinen angeborenen rassenmäßigen Anümonarchismus der Juden. Neuerdings hat Professor Hermann Oncken in seinem schönen und geistvollen Buch über Lassal!e") dem Verhältnis der emanzipierten Juden zu den politischen Strömungen einige ausführliche Kapitel gewidmet. Er stellte die Tatsache fest: „Die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts, der lang sich hinschleppende Prozeß der Entwicklung zum Nationalstaats der mit einer tiefgreifenden sozialen Umbildung zuscnnmensällt, hat die jüdischen Elemente in ihren kräftigsten 2) Verlag Friedrich Andreas Perthes, Gotha.1920. s) Oncken: Lassalle, eine politische Biographie. Dritte, vollständig durchgearbeitete und erweiterte Auslage. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1920. Preis. 33,60 M.