Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Article
- Zur Kritik völkischer Urteilskraft
- Date
- 1921-05-01
- Page
- 159 (sequence 5)
- Language
- German
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Zn: Kritik völkischer Urteilskraft J59 können, zu welcher Kurzsichtigkeit, Verblendung und Voreingenommenheit, die bis zur völligen Unfähigkeit des Laren Sehens geht, viele deutschvölkische Frauen und Männer durch die Agitation und die Phrasenwelt, in der sie leben, gediehen find. Keine Rede mehr von Anmaßung, von offensichtlicher Herausforderung, von jüdischer Taktlosigkeit. Es war ein Mißverständnis. Ja, es war mehr, es war ein „Unglück", und uns wird ausführlich erzählt, wie es }o kommen „m ußt e". Wir erfahren, daß Frl. Dt. Herzfeld eine Leipziger Aerztin ist, die seit Jahren in der christlichen Studentenbewegung und in der BoÜskommission tätig gewesen ist und deren besonderes Tätigkeitsgebiet der Kampf gegen Geschlechtskrankheiten ist. „Auf diesen Gebieten hat die sachkundige, warmherzige, von innerlicher Frömmigkeit und Nächstenliebe getragene Beredsamkeit der jungen Aerztin ihr rasch einen guten Namen verschafft." „Sie galt unter dem Nachwuchs der Weißen-Kreuz-Bewegung als dessen stärkste Hoffnung." Ihr Thema war „Sittlichkeitskampf der deutschen Frauen- und Mädchenwelt." Und nun kam der große Unbekannte und richtete Unheil an. .„Bon einer Seite, die wir nicht kennen, deren Absicht aber unverkennbar ist, wurde zu dieser Versammlung ein mit Schreibmaschine geschriebener hektographierter Einladungszettel in der Umgegend des Alexanderp'latzes verbreitet, auf dem von den Veranstaltern der Versammlung und von ihrem Zusammenhang mit den sieben vorhergegangenen Versammlungen keine Rede war. Vielmehr wurde hier bloß angekündigt, daß die Aerztin Frl. Dr. Herzfeld aus Leipzig über die „Sittliche Verworfenheit der deutschen Frau" sprechen wollte. Dieser Handzettel, der offenbar nur in wenigen Stücken vorhanden war, gelangte zufällig oder wurde mit Absicht einem bekannten Mitglied der deutschvölkischen Bewegung in Berlin zu geschoben. Dieser faßte die Sache so auf, als ob hier eine Jüdin die Schamlosigkeit haben wolle, im jüdisch verseuchten Berlin der deutschen Frau ihre Verworfenheit vorzuhalten. In Heller Empörung über diese vermeintliche Frechheit ging er mit diesem Handzettel zu seinen Gesinnungsgenossen, wo man sofort beschloß, eine derartige Frechheit sich nicht ruhig gefallen lassen zu wollen. Es fanden sich also eine Anzahl Frauen und Männer deutschvölkischer Kreise zusammen, die der Versammlung beiwohnen wollten, um, wenn ihre Befürchtungen sich als berechtigt erwiesen, ihren Unwillen und ihren Widerspruch in deutlichster Weise zum Ausdruck zu bringen. Man sieht, beide Teile wollten dasselbe, nämlich den Schutz der deutschen Sittlichkeit, der deutschen Familie und des deutschen Scham- und Zartgefühls der deutschen Frau gegenüber der Verwahrlosung des heutigen Berlin. Aber die geschickte Mache einer unbekannter Hand hatte es verstanden, den einen Kreis'so mit Beachtet die Anzeige: Philo Verlag!