Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Article
- Zur Kritik völkischer Urteilskraft
- Date
- 1921-05-01
- Page
- 160 (sequence 6)
- Language
- German
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160 Im deutschen Reich Voreingenommenheit zu erfüllen, daß sie blind gegen den anderer: Losrannten und die Gemeinsamkeit des Kampfes nicht mehr fühlten. So mußte das Unglück geschehen." Und so geschah das Unglück. Als die Männer nicht hereingelassen wurden/entstand Streit, und einige wurden durch herbeigerufene Sipoleute entfernt, warteten aber draußen. Und nun wird in köstlicher Weise geschildert, wie die Gruppe der völkischen Männer draußen unb die Gruppe der eingedrunaenen völkischen Frauen innen immer weiter in Erregung geriet. „Einer redete den anderen in immer größeren Zvrn, und man sang das Deutschland-Lied." Es muß eine Ziemliche Pogromstimmurrg gewesen sein, denn Maurendrecher sagt selbst: „Nur dadurch, daß am Ende der Versammlung die Rednerin und der Veranstalter einen anderen Ausgang benutzten, konnte Schlimmeres verhütet werden." Die Frauen innen aber waren „begreiflicherweise auch nicht in der Stimmung, mit sachlicher Ruhe und innerer Empfänglichkeit das aufzunehmen, was die Redner in tatsächlich bot. Sie griffen nur u n z u s a m m e n h ä n g e n d e Brocken d e s V o r t r a g s a u f." So kam es zu Widerspruch, und die Rednerin mußte schließlich, wie Maureubrecher mit unübertrefflicher Charakteristik sagt, „überwältigt oon dem Irrsinn dieser Szene", ihren Vortrag abbrechen und sich zurückziehen. „Es sprach noch eine andere Dame und Pfarrer Hölzel, der mit einem aus heißem Herzen kommenden Gebet schloß, das von dem größten Teil der Versammlung in tiefergriffener Andacht still mitgebetet wurde." Aber die Leute, die den Irrsinn dieser Szene herbeigeführt hatten, waren unbelehrbar. „Jene weiblichen Teilnehmer, die immer noch unter dem Bann der Vorstellung standen, hier solle das Deutschtum beschmutzt und jüdische Sittenlosigkeit verherrlicht werden, nahmen auch dieses Gebet nur als Hohn und Spott auf und erzählten den draußen Harrenden die abenteuerlichsten Dinge darüber. Diese aber, in gleicher Erregung sich befindend wie ihre Frauen, nahmen diese aufgeregten Erzählungen als Wirkliche Tatsachen und vervollständigten sich danach das Bild von der Versammlung, wie sie es verstanden." Und nun kam der Vorgang in die Oeffentlichkeit. In später Nachtstunde wurde die erste Mitteilung von der Zeitung ausgenommen, die sie für glaubhaft hielt. Aus Maurenbrechers Darstellungen geht hervor, daß die Aufnahme etwas voreilig geschah. „Die Wirkung war verblüffend; aus allen Teilen Deutschlands kam zum Teil Entrüstung darüber, daß eine Jüdin es wagen durfte, die Kanzel einer evangelischen Kirche zu besteigen, und daß sie von einem evangelischen Pfarrer dabei geschützt jtmirbe. Von der anderen Seite kamen ebenso stürmische Kundgebungen, die den Ernst und die Sittlichkeit der geplanten Veranstaltung, insonderheit aber die tiefinnerliche Frömmigkeit der Rednerin und die. starke Wirkung ihrer bisherigen Vorträge an anderen Orten betonten."