Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Article
- Wiederholungen
- Date
- 1921-05-01
- Page
- 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316912-2316917-2358573--31975-2358618- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wiederholungen U9 fassern in vielem nicht einverstanden zu sein; man kann manches ablehnen. Man muß aber ihre. Gedankengänge kennen, ihre Beweisführung nachprüfen, sich belehren lasten, wo nran selbst nicht zu urteilen vermag. Denn nur der kann für sich einstehen, der Kenntnis von seinem eigenen Wesen hat. Wie viele haben es? Ein Jammer beschleicht uns, wenn wir sehen, wie viele unserer Freunde und Freundinnen plumpesten Anfeindungen geistig schutzlos gegenüberstehen. Hier handelt es sich um nichts, das, wie es die Volksphrase sagt, negativ sei. Hier handelt es sich um höchst positive Forderungen. Wer sich selbst sittlich und menschlich behaupten will, muß sich zu verteidigen in der Lage sein, und wenn er sich verteidigen will, muß er die innere Klarheit über die Grundlage seiner Existenz sich mit ernsten Bemühungen zu verschaffen suchen. In der Unterhaltung behandle man auch große jüdische Fragen mit eindringlichem Ernste. Wie oft hört man über große Bewegungen innerhalb des Judentums, über Liberalismus und Gesetzcstreue, über jüdischen Nationalismus, über Zionismus, über Judenhaß, Urteile, die auf völliger Verkennung der Begriffe beruhen und den verwickelten Problemen, um die es sich hier handelt, auch nicht zu einem Tausendstel gerecht werden. Wir können vor uns und anderen bestehen; und wir werden bestehen. Wir werden uns geistig, sittlich und wirtschaftlich heben, aber nur dann, wenn wir in den entscheidenden Fragen unserer eigensten Person klar denken lernen. Erst Klarheit und Wahrheit, daun Urteil. Wer in einer stillen Stunde sich den leider für viele an einer nicht genügend erreichbaren Stelle erschienenen Vortrag „Der Krieg als jüdisches Erlebnis" von unserem Freunde Reinhold Lervin-Kömgsberg*) zu eigen macht, wird vielleicht mit einer überaus großen Anzahl von Bemerkungen nicht einverstanden sein. Er wird aber dem Verfasser trotzdem danken, Hunderte von Fragen im EinzelmenscheN angeregt zu haben, die von entscheidender Bedeutung für die ganze Entwicklung unserer Zukunft sein werden. Er wird für die Psychologie des Krieges vom jüdischen Standpunkt aus eine neue Einstellung gewinnen. Er wird in Zeiten, in denen geistige nationalistische Verirrung so viel Unheil anstistet, durch eigenes Denken einen Standpunkt zu diesen Fragen gewinnen. Wir bitten unsere Freunde: Nützet die Zeit auch mit Nachdenken über unsere Fragen! Lasset nicht das Gefühl allein entscheiden, wo Logik, wo Wissen, wo strengste Selbstprüfung geboten sind! Helft *) Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, 63. Jahrgang, neue Folge Juni/Dezember 1919. Breslau» Köbnerschr Verlagsbuchhandlung.