Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 3 (März 1921)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1921-03-01
- Page
- 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Erziehung ton m übe nie: iüdi scheu Menschen. ICO Im deutschen Reich haben ihre Dankesschuld durch namhafte Vermächtnisse an die Anstalt abgetragen. Unter den Direktoren findet man einige der klangvollsten Namen der Berliner Juden, z. B. B a r u ch Auerbach, den Begründer der nach ihm benannten Waisenhäuser der Jüdischen Gemeinde, ferner I>r. David Cassel, der zu den bedeutendsten Vertretern der Wissenschaft des Judentums gehörte. Kurze Zeit wurde die Anstalt von dem genialen Sprachforscher Dr. Georg Huth geleitet, dessen früher Tod einen, schweren Verlust sür die Linguistik bedeutete. Die Äufgabe des Direktors einer derartigen Anstalt ist ungleich komplizierter, verantwortungsvoller und schwieriger als die des Lehrers, dieses Wort auch im höchsten und weitesten Sinne gefaßt. Der Lehrer soll unterrichten und, neben dem Elternhause, auch erziehen. Unsere Anstalt dagegen soll den Jungen das Elternhaus überhaupt ersetzen, das Elternhaus mit seiner Wärme und Zärtlichkeit, aber auch mit seiner, leider nur selten anzutreffenden, Strenge-und Zucht. Zur Führung eines derartigen Internats gehören ganz besondere Eigenschaften: Güte und Strenge, Ernst und Seelenheiterkeit, väterliche Liebe und erzieherische Festigkeit müssen sich in der Persönlichkeit eines solchen Leiters vereinen. Man stelle sich vor, was das heißt, eine Schar von achtzehn Jungen, zwischen acht und sechzehn Jahren, zu regieren, die verschiedenen Temperamente auszugleichen, den Fortgang ihrer Studien im Auge zu behalten, ihre Schularbeiten zu überwachen, ihre kleinen .Kümmernisse und großen Unarten zu verstehen, die Charaktere zu beobachten und die bösen Keime rechtzeitig zu unterdrücken, die guten zur Entfaltung zu bringen. Die älteren Knaben, die in die Flegeljahre kommen, sind ungebärdig und müssen zu freiwilligem Gehorsam gezügelt werden; die kleinen haben Heimweh nach „Mutti", sind verschüchtert und wehleidig und müssen ermuntert und zutraulich gemacht werden. Eiserne Geduld und selbstlose Nächstenliebe muß der Leiter in sich vereinen. Und der Dank dafür? Ür. Oskar Götz schreibt: „Eltern, die ihre Kinder zu brauchbaren, offenen und redlichen Menschen erzogen haben, werden so wenig über Undankbarkeit zu klagen haben, wie Lehrer, die den Erzieherberuf mit Pflichttreue, Ehrfurcht Teilnahme und Liebe zu der Jugend und dem nötigen Können erfüllen." Das ist sicher wahr, aber es trifft nur für das reise Mannesalter zu, wenn der ehemalige Zögling aus Erfahrung zu würdigen weiß, was er dem ehemaligen Erzieher verdankt Aber solange die Knaben im Internat sind, fühlen sie nur das Beengende ihrer Lage, sie möchten vor allem — und das ist ja ihr gutes Recht — ihre Freiheit haben. Und daruMj gehören oft eiserne Nerven und der feinste Takt und vollendete Selbstbeherrschung! dazu, um die jungen Seelen zu lenken und sie in heiterem, zufriedenem Gleichgewicht zu erhalten. Wer 28 Jahre hindurch auf einem solchen Posten gestanden und sich dabei die volle Berufsfreudigkeit, die Liebe zu den Kindern und die mutige, überlegene Seelenruhe ^bewahrt hat, wie am ersten Tage, der hat wahrlich ein wertvolles Stück Arbeit im Dienste der jüdischen Gemeinschaft geleistet.' Nun hat die Nauensche Erziehungsanstalt eine doppelte Aufgabe zu erfüllen. Sie soll im Sinne der Stifterin den Kindern das jüdische M i! i e u mit allen seinen Stimmungen, Sitten, Bräuchen und Erinnerungen bieten, damit es in ihrem ferneren Leben nachwirke und sie in lebendiger Sympathie und Treue der angestammten Religion vermmden bleiben, und dabei sie im Vereine mit der öffentlichen Schule zu tüchtigen und brauchbaren modernen Menschen heranbilden, die, aus der Anstalt entlassen, ihren redlichen Weg im Leben finden und dem jüdischen Namen Ehre machen. Dt. Oskar Götz schreibt: „Wie manche Mutter sagte es mir: Das bißchen Essen hätte auch ich meinem Kinde geben können, aber ich danke