Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 3 (März 1921)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1921-03-01
- Page
- 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Rundschau 101 es Ihnen, daß Sie ihm die Wohltat durch das väterliche Gefühl, das Sie ihm entgegenörachten, versüßten." Nun brauchen aber, jetzt mehr als je zuvor, die Knaben nicht allein väterliches Gefühl, sondern auch eine feste, sichere, erfahrene Pädagogenhand, die sie den rechten Weg leitet. Und es sind Zeiten gekommen, da das „bißchen Essen" für manches Kind eine äußerst wertvolle Gabe ist. Bis zum Jahre 1916 blieb die Zahl der Zöglinge auf achtzehn bestimmt, aber infolge der Rationierung der Lebensrnittel hatte die Anstalt immer mehr mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die Kleinen satt zu machen. Der junge Magen will nichts von weltgeschichtrichen Notwendigkeiten wissen und knurrt redlich, als gäbe es keinen Weltkrieg und' keine Blockade. Die Zahl der Zöglinge mußte daher auf fünfzehn herabgesetzt werden. Inzwischen stellten sich auch pekuniäre Schwierigkeiten ein, aus denen die Anstalt nur durch große Zuwendungen von seiten der Kuratoren herausgezogen werden konnte. Man ließ sich nicht nur nicht entmutigen, sondern eine großzügige Spende eines der Kuratoren ermöglichte es, daß ein Grundstück gekauft werden konnte, auf dem „in ruhigeren Zeiten" ein neues, viel geräumigeres Heim für die Anstalt erbaut Werken sollte. Allein die Zeiten wurden immer unruhiger, die Teuerung wuchs ins Unermeßliche, Nahrungsmittel und Kleidung sind beinahe unerschwinglich geworden, das Schulgeld und die Preise der Schulbücher und des sonstigen Schulbedarfs stiegen um das Vielfache. Es gab einen Moment, da die Anstalt vor der Notwendigkeit stand, ihre Pforten zu schließen. Abermals haben große. Opfer von seiten der Kuratoren die Katastrophe verhindert, aber die Zahl der Zöglinge muß auf die Hälfte reduziert werden. Das bedeutet für die andere Hälfte einen harten Schlag. Daß die Oeffentlichkeit ein hohes Interesse daran hat, eine solche Anstalt zu entwickeln und zu erweitern, daß in jetziger Zeit nach dem Muster dieser Anstalt ähnliche gegründet werden müßten, liegt auf der Hand. Das ist geradezu unabweisbare Pflicht gegen die Heranwachsende Generation. Daß aber diese Anstalt nach fast anderthalb hundertjährigen segensreichen Bestände, nachdem sie fünf Generationen hintereinander so Hroße Wohltaten gespendet hat, nachdem sie durch große Opfer einiger weniger über die gefahrvolle Kriegszeit hinweg unversehrt erhalten wurde, am Ende doch aushören müßte, zu existieren oder sich^ um die Halste zu verkleinern gezwungen wäre, das wäre eine äußerst schmerzliche und für die ganze deutsche Judenheit beschämende Tatsache. J Nun gibt es Pflichten der Oeffentlichkeit, die in ihrer ganzen Wucht nur von einzelnen empfunden und erfüllt werden können. Man darf hoffen, daß unter den deutschen Juden sich viele einzelne finden werden, die die Pflicht empfinden, den von einer schlichten Berliner jüdischen Frau vor 143 Jahren verwirklichten.Gedanken nicht untergehen zu lassen, eine Pflicht der jüdischen Gesellschaft gegen ihre eigene Zukunft. Denn die kommende Generation, das ist der Fels, auf dem sich der Tempel der Zukunft aufbaut. Diese Wahrheit ftüh erkannt und stets betätigt zu haben, das ist das Geheimnis der Juden, ein Geheimnis, welches allerdings gar nicht geheimgehalten wurde, da es schon in der Bibel offen zutage liegt. UÄerall, wo die Bibel das Volk zu einer großen Arbeit, zu einem schweren Opfer anjpornen will, dessen Bedeutung dem einzelnen nicht auf den ersten Blick einleuchtet, verheißt sie als Lohn: „Auf daß es wohlergehe deinen Nachkommen nach dir." Hier wird also als Zweck und Inhalt der Lebensarbeit das Wohlergehen der kommenden Geschlechter hingestellt, wodurch eine Höherentwicklung der Gesamtheit verbürgt ist. Daß diese unseren Vorfahren so nachdrücklich eingeschärfte Lehre im Judentum stets beobachtet wurde, darauf beruht das Geheimnis, daß wir uns durch alle Die Gemeinschaft und der Einzelne. Das Vobelmms der Juden.