Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 27 (1921)
- Issue
- Heft 3 (März 1921)
- Article
- Die jüdisch-nationale Heimstätte in Palästina
- Date
- 1921-03-01
- Page
- 88 (sequence 6)
- Language
- German
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8S Im deutschen Reich Die neue Entwicklung, mag man sie mit übertriebenen Hoffnungen begrüßen; mag man sie als politisch bedeutungslos betrachten;' mag man sie mit Mißmut hinnehmen, stellt jedenfalls die Juden der Welt, ganz gleichgültig, ob sie Zionisten oder ob sie keine Zionisten sind, vor eine durchaus veränderte Sachlage. Die Zionisten mit weitgehenden Hoffnungen sehen ihre Pläne in hohem Grade eingeengt. Die Nicht-Zionisten aber stehen einer Sachlage gegenüber, die Kaum für einen Gegensatz zu den Zionisten nicht mehr bietet. Palästina ist heute fest in der Hand Englands, und damit bietet sich die Möglichkeit, daß unter englischem Schutz dort gesicherte Institutionen geschaffen werden, die den Juden des Landes aus intellektuellem und auf wirtschaftlichem Gebiete zugute kommen. War vor dem Kriege von 1614 bei allen Unternehmungen in Palästina mit willkürlichen türkischen Eingriffen zu rechnen, so wird nunmehr englische Gesetzmäßigkeit zuverlässige Garantie für die Entwicklung des Landes bieten. Wer, wie ich, das Land kennt, wird an feine wirtschaftliche Entwicklung weder ausschweifende, noch auch nur große Hoffnungen knüpfen. Zweitausendjährige Erfahrungen haben bisher kein wirtschaftliches Moment an die Oberfläche gebracht, Las zu besonderen Erwartungen irgendwie berechtigen könnte. Auf Grund der heute bekannten Tatsachen kann nur gefolgert werden, daß Palästina sich zu einem Lande mäßigen agrarischen Wohlstandes entwickeln kann, und damit ist auch der Rahmen für die Einwanderung der Juden gegeben. Nach Palästina sollten jene Juden auswandern, die im Innersten von zwei starken Beweggründen getrieben werden. Von der Sehnsucht, trotz harter Arbeit und trotz heißen Klimas sich der Landwirtschaft wieder zuweuden wollen. Dies eine Motiv wird aber ganz gewiß nicht genügen. Wer nur Landwirt sein will, der kann es in vielen Teilen der Welt unter günstigeren Bedingungen. Der eine Beweggrund muß somit in idealistischen Trieben seine Ergänzung finden, und diese Ergänzung kann nur liegen in starker religiöser Empfindung oder in dem starken Drange, dem Judentum der Zerstreuung erneut die Möglichkeit zu verschaffen, auf einem engen und winzigen Fleckchen dieser Erde unter relativ gesicherten Bedingungen, und angetrieben von Erinnerungen aus dem Alten Testament den Versuch eines erneuten selbständigen jüdisch-hebräischen Geisteslebens zu wagen. Die realen wirtschaftlichen Voraussetzungen, wie die Voraussetzungen für eine urwüchsige intellektuelle Neubetätigung sind jetzt gegeben. Sie sind gegeben, obgleich die Möglichkeit für staatliche Selbständigkeit, seitdem das Land in den starken Händen einer europäischen Großmacht sich befindet, in weiterer Ferne liegt als je zuvor. Die Türkei hätte möglicherweise einmal Palästina eine gewisse politische Selbständigkeit gewähren können; das Mandatsland Palästina wird für überblickbare Zeiten in der Hand europäischer Großmächte bleiben, und weil dem so ist, schrumpft der Gegensatz zwischen Zionisten und Nicht-Zionisten zur Bedeutungs-